-und weitsichtig, uns um
die Wette und oft hastig auf die bedeutenden Erscheinungen der Erde und des
Himmels aufmerksam zu machen suchten, einander vorzueilen und zu überbieten
trachteten. Dies war die schönste Erholung, nicht nur vom täglichen Geschäft,
sondern auch von jenen ernsten Gesprächen, die uns oft nur zu tief in unser
eigenes Innere versenkten und uns dort zu beunruhigen drohten.
    In diesen Tagen kehrte ein Reisender bei uns ein, wahrscheinlich unter
geborgtem Namen; wir dringen nicht weiter in ihn, da er sogleich durch sein
Wesen uns Vertrauen einflößt, da er sich im ganzen höchst sittlich benimmt,
sowie anständig aufmerksam in unsern Versammlungen. Von meinem Freund in den
Gebirgen umhergeführt, zeigt er sich ernst, einsichtig und kenntnisreich. Auch
ich geselle mich zu ihren sittlichen Unterhaltungen, wo alles nach und nach zur
Sprache kommt, was einem innern Menschen bedeutend werden kann; da bemerkt er
denn gar bald in unserer Denkweise in Absicht auf die göttlichen Dinge etwas
Schwankendes. Die religiösen Ausdrücke waren uns trivial geworden, der Kern, den
sie enthalten sollten, war uns entfallen. Da ließ er uns die Gefahr unsres
Zustandes bemerken, wie bedenklich die Entfernung vom Überlieferten sein müsse,
an welches von Jugend auf sich so viel angeschlossen; sie sei höchst gefährlich
bei der Unvollständigkeit besonders des eignen Innern. Freilich eine täglich und
stündlich durchgeführte Frömmigkeit werde zuletzt nur Zeitvertreib und wirke wie
eine Art von Polizei auf den äußeren Anstand, aber nicht mehr auf den tiefen
Sinn; das einzige Mittel dagegen sei, aus eigener Brust sittlich gleich
geltende, gleich wirksame, gleich beruhigende Gesinnungen hervorzurufen.
    Die Eltern hatten unsre Verbindung stillschweigend vorausgesetzt, und ich
weiß nicht, wie es geschah, die Gegenwart des neuen Freundes beschleunigte die
Verlobung, es schien sein Wunsch, diese Bestätigung unsres Glücks in dem stillen
Kreise zu feiern, da er denn auch mit anhören musste, wie der Vorsteher die
Gelegenheit ergriff, uns an den Bischof von Laodicea und an die große Gefahr der
Lauheit, die man uns wollte angemerkt haben, zu erinnern. Wir besprachen noch
einigemal diese Gegenstände, und er ließ uns ein hierauf bezügliches Blatt
zurück, welches ich oft in der Folge wieder anzusehen Ursache fand.
    Er schied nunmehr, und es war, als wenn mit ihm alle guten Geister gewichen
wären. Die Bemerkung ist nicht neu, wie die Erscheinung eines vorzüglichen
Menschen in irgendeinem Zirkel Epoche macht und bei seinem Scheiden eine Lücke
sich zeigt, in die sich öfters ein zufälliges Unheil hineindrängt. Und nun
lassen Sie mich einen Schleier über das Nächstfolgende werfen; durch einen
Zufall ward meines Verlobten kostbares Leben, seine herrliche Gestalt plötzlich
zerstört; er wendete standhaft seine letzten Stunden dazu an, sich mit mir
Trostlosen verbunden zu sehen und mir die Rechte
