 Augenblicken das Wünschenswürdigste war, seine Achtung behalten.
Da ich ihm weder mein Herz noch mein Schicksal Preis gegeben, hat mich auch
seine Änderung nicht erbittert, und ich kann gegen ihn und seinen Ruhm immer
gerecht bleiben.
    Diejenige, welcher er jetzt huldigt, wird nun auch eine gewisse Celebrität
erhalten. Ihr Bild ist zu einem Altarblatte bestimmt. Nur auf diese, oder auf
eine ähnliche Weise, ist es möglich, dass eben diese Berühmteit, zu welcher sie
durch ihn gelangt, ihr nichts bei ihm schade. Denn so weit ich die Männer kenne,
ist die Berühmteit nächst dem Alter, der Hässlichkeit und der Kränklichkeit,
derjenige Fehler, welchen sie am empfindlichsten rächen, und vielleicht hat es,
seit Männer leben, kaum zehn gegeben, welche wahrhaft groß genug waren, eine
große Frau zu ertragen.
    Allerdings ist Berühmteit und Größe keinesweges gleichbedeutend, und
manche göttlich große Frau hat kaum ihren nächsten Verwandten für das, was sie
war, gegolten. Diese Größe können die Männer gar wohl ertragen; um so mehr, da
man sie benutzen kann, ohne sie anzuerkennen.
    Wie dem auch sei! ich habe nur kurze Zeit gelitten, und meine Ruhe ist von
neuem gesichert. Ich habe das Grab meiner Schwester besucht, und mir von neuem
die Ursache ihres Todes vergegenwärtigt. Die Klagen über meine Freundlichkeit,
Höflichkeit und - Kälte sind darauf nur bitterer geworden.
    Warum aber klag' ich nicht? Hab' ich kein Herz? und ist es nicht
schmerzhafter, ewig von einer Liebe schwatzen zu hören, die keine ist, als ohne
Aufmunterung um eine zu werben, welche man im Kurzen nicht mehr die Kraft hat zu
erwidern?
    In der Zeit, wo er wirbt - sagst du vielleicht - weiß das kein Mann. Glaube
mir! er weiß es; oder kann es mit einiger Aufmerksamkeit auf sich selbst wissen,
und ist er dieser Aufmerksamkeit nicht fähig; so bringt er schuldlos dasselbe
Leiden hervor, als hätte er absichtlich betrogen. Und so ist dann nicht besser
für die Männer gesorgt, als wenn sie sich mit ihrer Liebe dahin wenden, wo sie
auf gleiche Weise erwidert, und Niemand beim Tausche vervorteilt wird.
    Genug! und mehr, als genug, von einer Sache, die längst unter uns abgemacht
ist.
    Meine Rosen blühen wieder in schöner Stille um mich her, die Kunst reicht
mir wieder die schwesterliche Hand, und wenn du kommst, findest du mich wieder
in meinem Paradiese.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Wo soll ich anfangen, ihr Alles, was mir begegnet ist, zu schreiben?
    Wegen einer sehr traurigen Begebenheit, welche sich in diesen Tagen zutrug,
ging ich zum Fürsten.
    Ein abscheulicher Vater hatte die einzige Tochter ins
