 erreichen. Was ihr
seine Liederlichkeit nennt, redet ihm bei mir das Wort; denn wer das Schöne so
darstellt, wie Raphael es dargestellt hat, der kann nur das Schöne lieben und -
nur in dem Schönen untergehn.«
    Und indem die Herzogin auf diese Weise ihrer Leidenschaft für Raphael das
Wort redete, verzehrte die innere Glut, womit sie empfand, ihre physischen
Kräfte zusehends. Es war ein eigentümliches Schauspiel, das der Gräfin und mir
in dieser Hinsicht gewährt wurde; denn wir sahen eine Verklärung von statten
gehen, wie man sie selten erlebt. Ohne dass irgend ein Lebensorgan angegriffen
war, wurde die Herzogin nach und nach zu einem Schemen. Alles, was Kraft genannt
werden kann, blitzte aus ihren großen blauen Augen und sprach von ihren Lippen;
aber andere Kennzeichen des Lebens waren nicht in ihr vorhanden. Sie selbst
hatte keine Ahnung von ihrem nahen Hintritt, und sprach zu uns nur immer von
ihrer Liebe; Ort und Zeit aber war darin untergegangen. In uns erstickte eine
gewisse Feierlichkeit alle die gewöhnlichen Gefühle des Mitleides, des Bedauerns
u.s.w. Immer musste es uns schmerzen, eine solche Freundin zu verlieren; aber wie
hätten wir sie beklagen können, da sie nur in einem Übermaass von innerem Leben
ihren Untergang finden konnte? Noch ruhiger, als ich, war die Gräfin d'Albania.
Sobald sie wahrgenommen hatte, dass der Herzogin nicht mehr zu helfen sei,
versetzte sie sich in diejenige Stimmung, wodurch sie dem hohen Flug ihrer
Phantasie innerhalb des Gebietes der Kunst nachhalf. Wirklich wurden die letzten
Augenblicke der Herzogin dadurch nicht nur aufgeheitert, sondern auch
verlängert, und der Ankunft des Grafen Vittorio Alfieri war es aufbehalten, den
kritischen Moment herbeizuführen.
    Er hatte seine Myrrha vollendet, als er bei uns ankam. Seiner eigenen
Vorstellung nach war dies von allem, was er je gearbeitet hatte, das Beste. Er
brannte vor Begierde, diese Tragödie vorzulesen, weil er es darin ausschließend
auf eine Huldigung der Gräfin angelegt hatte. Meinen Wünschen nach sollte die
Herzogin entfernt werden; aber dazu war keine Gelegenheit. Die Vorlesung nahm
ihren Anfang, sobald es dunkel geworden war. Wir saßen dem Vorleser gegenüber.
Die Herzogin teilte unsere Spannung nicht, wiewohl sie nicht ganz unaufmerksam
war. So wie indessen der Charakter der Myrrha, in welchem des Heldenmütigen
genug, des Weiblichen aber nur allzuwenig ist, sich mehr entwickelte, nahm die
Unruhe der Herzogin zu. Beim vierten Akt sank sie ganz unerwartet in die Arme
der Gräfin. Wir vermuteten nichts weniger als plötzlichen Tod; allein ihre
Augen erhielten die Richtung der Verklärten, und zwei Zuckungen, welche
unmittelbar darauf erfolgten, vollendeten den Hintritt.
    Hatte Alfieri's Vorlesung die Herzogin getötet, so
