' ich sie anders gehörig beobachtet, so fühlte sie sich allzuschwach, die
Individualität der Gräfin in sich aufzunehmen; aber Raphaels Begränzung
entsprach der ihrigen. Ihn begriff sie in allen seinen Bildungen, und wunderbar
waren die Kommentare, die sie darüber machte. Sie wusste z.B. alle Widersprüche
zu lösen, welche einzelne Kritiker in Raphaels Verklärung anzutreffen geglaubt
haben, und nannte dies Werk die Apoteose des Künstlers. Denn ihrer Versicherung
nach, waren die beiden Handlungen, die man in diesem Gemälde erblickt, aufs
innigste für einander vorhanden, und das Wunder der Verklärung nur durch die
fehlgeschlagene Heilung des besessenen Knaben bedeutend und idealisch. dabei
rühmte sie die tiefe Menschenkenntnis, welche Raphael dadurch offenbaret, dass er
den schönsten der Apostel in einer Unterredung mit Weibern, die übrigen im
Gespräch mit Männern dargestellt habe; und was die in gleicher Linie laufenden
Arme der Apostel betrifft, so behauptete sie, dass, die kunstgerechte Anordnung
möchte sich noch so heftig dagegen erklären, die Symmetrie der Komposition sie
notwendig mache. Um übrigens immer von Raphael umgeben zu sein, setzte sie sich
in den Besitz der besten Kopien, vorzüglich in Kupferstichen; und so konnte es
schwerlich fehlen, dass dieser Künstler nach und nach der einzige Gegenstand
ihrer Liebe wurde.
    Es ist unstreitig schon öfter der Fall gewesen, dass ein hingeschiedener
Geist einen noch vorhandenen einzig beschäftigt hat; allein schwerlich ist dies
jemals auf eine so eigentümliche Weise geschehen, als in der Liebe der Herzogin
für Raphael. So weit eine rein geistige Ehe denkbar ist, vermählte sie sich auf
das förmlichste mit ihm. Es war zuletzt nicht der Künstler, es war der Mann, den
sie in ihm erblickte, die schaffende Kraft, die sie in ihm anbetete. Die Folgen
fürchtend, welche eine so eigentümliche Wendung ihres Geistes nach sich ziehen
konnte, suchte man ihren Enthusiasmus dadurch zu vermindern, dass man ihr
Anekdoten von Raphaels Liederlichkeit erzählte. Vergeblich; so keusch sie auch
war, so wurde sie dadurch doch nicht beleidigt. »Wie konnte, erwiderte sie,
Raphael anders sein? Was ihr Liederlichkeit nennt, war bei ihm die Folge einer
üppigen Fülle. Zugegeben, dass er länger gelebt hätte, wenn er haushälterischer
mit seinen Kräften umgegangen wäre, entsteht noch immer die Frage, ob diese
Ökonomie ihm möglich war? Und hat er etwa weniger gelebt, weil er im sechs und
dreissigsten Jahre gestorben ist? Seine Schöpfungen sagen, dass er viel gelebt
hat, und was wir ihm alle beneiden sollten, ist, dass er die Kraftlosigkeit und
Erschöpfung des Alters nie empfand, sondern wie Achilles zu den Unsterblichen
gewandert ist. Sagt mir, Raphael sei siebzig Jahre alt geworden, weil er
durchaus verständig gewesen sei, und ihr werdet euren Zweck
