 mir gelang,
den Kammerherrn des Erbprinzen in mein Interesse zu verflechten. Ich trat zu
diesem Ende mit ihm in Unterhandlungen, und so bald er eingesehen hatte, dass für
ihn selbst nichts dabei zu wagen sei, bestimmte er den Erbprinzen, seine
Genehmigung zu geben. Es gewann für den großen Haufen der Hofleute das Ansehen,
als sei eine Versöhnung zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin erfolgt,
weil ich darauf bestand, dass der Erbprinz, um den Schein zu retten, uns
begleiten sollte, und er sich wirklich dazu hergab. Doch, von dem Nachmittag des
zweiten Tages an, waren wir uns ganz selbst überlassen, und so wenig um die
Folgen unserer Isolirung bekümmert, dass wir nur daran dachten, wie wir recht
angenehm leben wollten. Ein ziemlich hoher Berg lag zwischen der Hauptstadt und
dem Lustschlosse, und mehr bedurfte es nicht, uns glauben zu machen, dass wir von
der ganzen Welt geschieden in dem Paradiese selbst lebten.
    Die Lage des Lustschlosses war die reizendste, die man sich denken kann. Auf
einer Anhöhe gelegen, war es rechts durch unabsehbare Wiesen und links durch
einen dunklen Tannenwald begränzt. Vorn dehnte sich ein geräumiger Garten aus,
den man anzubauen nicht vernachlässigt hatte, und in welchem eine zahlreiche
Orangerie neben den Treibhäusern hin ihre Wohlgerüche verbreitete. Hinten war
ein dicht verwachsener Park mit zahmen Wildprett angefüllt, und an den Park
lehnte sich eine Meierei mit hohen Lindenbäumen bepflanzt. Der Aufenthalt war
über alle unsere Ertwartungen romantisch und bequem. Ihn durch nichts zu
verderben, hatten wir von der Dienerschaft nur diejenigen mitgenommen, die uns
unentbehrlich waren. Ein halb geöffneter Wagen mit zwei Pferden war unsere
einzige Equipage; aber auch von ihm wollten wir nur selten Gebrauch machen.
Unsere Genüsse sollten zugleich einfach und ausgesucht sein; und dazu war vor
allen Dingen nötig, dass der Tisch nie befrachtet, die Bibliothek hingegen mit
allen den Dichtern angefüllt war, die uns jemals entzückt hatten; denn da die
Wirklichkeit uns einmal verhasst war, so wollten wir ihr auf allen möglichen
Fittigen entfliehen. Unser Leben sollte, wenigstens für den nächsten Sommer, ein
wahres Idyllenleben sein, und um diese Idee immer gegenwärtig zu haben, nannte
mich die Prinzessin in eben dem Augenblick Chloe, wo sie mir gebot, sie selbst
Daphne zu nennen.
    Es fehlte uns beiden nicht an Erfindungskraft. Die ersten Morgenstunden
wurden im Garten oder im Park verlebt, wo wir mit irgend einer leichten Arbeit
in der Hand, mehr empfindend als denkend, uns nach allen Richtungen hin
bewegten. Ward die Sonnenhitze uns allzustark, so begaben wir uns in einen
Pavillon, wo wir abwechselnd vorlasen. Der Anfang wurde mit Gesners Idyllen
gemacht; allein wir legten sie bald zurück, weil es uns vorkam, als
