, desto leichter gewöhnte ich mich daran; und da meine Pflegeeltern
unter sich selbst so einig waren, dass alles, was Leidenschaft genannt werden
mag, aus ihrem Bezirk verbannt war, so konnte es nicht fehlen, dass ich in diese
ihre Stimmung hineingezogen wurde. In so fern Liebe ein bestimmtes Gefühl ist,
das zur Aufopferung treibt, war dies Gefühl nicht in mir; aber ich teilte die
Harmonie des Hauses, und teilte sie um so mehr, weil ich von allen Hausgenossen
gleichmäßig behandelt wurde, und die Entstehung dessen, was man Eigensinn zu
nennen pflegt, in mir ganz unmöglich war. Was mir immer vorgehalten werden
mochte, ich nahm es als Beschäftigung des Tätigkeitstriebes, und fand daher
meine Rechnung eben so sehr im Lehrzimmer, als in der Küche und im Garten. Nur
in Hinsicht der Autorität unterschied ich meine Umgebung. Die meines
Pflegevaters gab den Ausschlag über jede andere. Ihn betrachtete ich im
eigentlichen Sinne des Worts als das Haupt, und wo sein Ausspruch einmal erfolgt
war, da galt mir kein anderer. Hätte man mir damals gesagt: Es ist ein
Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung, so würde ich, vorausgesetzt, dass zwei
so abstrakte Dinge nicht ganz für mich verloren gewesen wären, auf der Stelle
geantwortet haben: Das weiß ich recht gut; denn die Wahrheit ist bei meinem
Vater und die Meinung bei den Andern. Das Geschlecht, zu welchem ich gehörte,
gab mir diese Deferenz. Wär ich ein Knabe gewesen, so würde die Autorität meiner
Pflegemutter entschieden haben.
    Ich habe oft gedacht, dass die Erziehung jedes menschlichen Wesens, das nur
einigermaßen geraten soll, höchst einfach sein müsse. Es kommt zuletzt doch nur
darauf an, dass man eine achtunggebietende Individualität gewinne. Wie will man
aber zu einer solchen gelangen, wenn es durchaus nicht gestattet ist, bleibende
Falten zu schlagen, die, sie mögen nun in Gefühlen oder in Ideen zum Vorschein
treten, allein den Charakter ausmachen? In Städten, vorzüglich aber in
Hauptstädten, besteht die Erziehung eigentlich darin, dass der eine Eindruck
sogleich durch den andern vernichtet werde, so dass der Zögling am Ende in einem
leeren Nichts dasteht; dies ist eine notwendige Folge der allzuweit getriebenen
Zusammengesetzteit der Richtungen, welche der Zögling (ob mit oder ohne
Absicht, gilt hier gleich viel) in den Städten erhält. Auf dem Lande kann so
etwas durchaus nicht statt finden; da der Richtungen an und für sich wenigere
sind, so ist die ganze Erziehung einfacher, und die natürliche Folge davon ist,
dass das Innere des Zöglings eine bestimmte Form annimmt, die sich zuletzt von
selbst gegen alle Unform verteidigt, und im Kampfe mit derselben zu einer
höheren Entwickelung führt.
    Ganz unstreitig verdanke ich nicht nur den
