 die Anspruchslosigkeit eines sonst klaren und
regelmäßig gebildeten Gesichtes immer damit endigen muss, die Herzen zu gewinnen.
Mehr als alles Übrige pronirte mich der Beifall bejahrter Frauen in der Meinung
des Publikums. Es konnte nicht fehlen, dass ich mit den soliden Eigenschaften,
die ich von meiner ersten Jugend an zu erwerben Gelegenheit gehabt hatte, ihnen
unendlich mehr Berührungspunkte darbot, als andere junge Mädchen oder Frauen;
und indem sie die schwer erworbene Solidität des Alters in mir wiederfanden, und
sich also in mir verjüngt erblickten, blieb ihnen schwerlich etwas anderes
übrig, als mir das Wort zu reden, wofern sie sich nicht selbst herabsetzen
wollten.
    Es kam auf diesem Wege nur allzubald dahin, dass ich von Allen gesucht wurde.
Man möchte nun glauben, dass ich ein Gegenstand des Neides für andere Mädchen
meines Alters geworden sei; dies war aber durchaus nicht der Fall. Da ich keiner
in den Weg trat, so wurde ich mit meiner Gutmütigkeit ein Stützpunkt für alle,
so dass selbst diejenigen von ihnen, welche die meisten Ansprüche auf
Wertschätzung machten, mir gegenüber diese Ansprüche fahren ließ, und sich,
wenn sie uneins mit sich selbst geworden waren, auf mein Urteil und meine
Entscheidung bezogen. In Wahrheit, es mochte keine alltägliche Erscheinung sein,
ein junges Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren, das, wo nicht schön, doch
wenigstens nichts weniger als hässlich war, in physischer und moralischer Kraft
den Ausschlag über ihres gleichen geben, und sich doch niemals überheben zu
sehen. Das Rätselhafte dieser Erscheinung wurde durch meine Erziehung gelöst;
allein diese Erziehung wurde wiederum dadurch zum Rätsel, dass die wenigsten
Menschen - weil es einmal das Eigentümliche der menschlichen Natur mit sich
bringt, sich vor allen Dingen mit sich selbst zu beschäftigen - die Fähigkeit
haben, solche Charaktere, als meine Pflegeeltern, zur Anschauung zu bringen. Ich
blieb also immerdar ein Rätsel, das man nicht anders lösen zu können glaubte,
als durch Voraussetzung einer höheren Natur, welche die Morgengabe meiner Geburt
gewesen.
    Ich selbst fing an, mir unbegreiflich zu werden, so wie ich in der Meinung
Anderer höher emporstieg. Dem Abstich, den ich durch meine Individualität
bildete, die Deferenz, welche man mir von allen Seiten her bewies,
zuzuschreiben, dazu war ich mit aller Verständigkeit doch noch zu unschuldig. Da
ich nun in Zeiten lebte, wo man noch gar keine Ahnung davon hatte, dass eine
vornehme Geburt nichts geben, wohl aber sehr viel nehmen kann, wenn nicht von
staatsbürgerlichem, sondern von rein-menschlichem Wert die Rede ist; so geriet
ich auf die natürlichste Weise von der Welt auf den Gedanken, dass ich über mich
selbst unfehlbar ins Reine gekommen sein würde, so bald ich mir die nötigen
Aufschlüsse über meine
