 geblieben, weil nach Moritz sich mir kein Mann
dargestellt hat, dem ich meine Freiheit aufzuopfern der Mühe wert gehalten
hätte; ich muss mich so ausdrücken, ob ich gleich bei mir überzeugt bin, dass
meine Jungfrauschaft nicht die Folge des Raisonnements bei mir gewesen ist. Wäre
ich Gattin und Mutter geworden, so würde ich diesen Verhältnissen keine Schande
gemacht haben; denn Treue und Liebe lagen in meinem Wesen eingehüllt. Als eine
geborene Katolikin würd' ich mich nach Moritzens Tode entschlossen haben, in
irgend ein Kloster zu gehen; schwerlich aber wäre dann aus mir geworden, was ich
jetzt bin, und in sofern ich einen Wert auf mich setze, freue ich mich auch,
eine Protestantin zu sein. Ich fürchte weder den Verfall, noch den Tod. Den
ersteren betrachte ich als eine Folge des mangelnden Reizes, und so lange mir
noch mein Bewusstsein bleibt, werd' ich dafür sorgen, dass dieser Mangel mich
nicht treffe. In dem letzteren seh' ich nur den Stillstand einer Maschine, die
nicht für die Ewigkeit geschaffen wurde. So lange ich lebe, werd' ich mich auch
wohlbefinden. Mein Arkanum in dieser Hinsicht ist sehr einfach. Es heißt: Fliehe
den Umgang mit alten und langweiligen Personen. Nichts verbittert das Leben so
bestimmt und tötet so sicher, als das überhandnehmende Gefühl der Langeweile.
Gewissen Anzeigen nach, werd' ich aber ein hohes Alter erreichen, ohne dass ich
dies gerade wünsche. Denn blick' ich auf die Vergangenheit zurück, so dehnt sie
sich unermesslich vor mir aus, welches durchaus nicht der Fall sein könnte, wenn
der langweiligen Tage, Wochen, Monate in ihr sehr viele gewesen wären. Ich
glaube nämlich die Bemerkung gemacht zu haben, dass es in jedem Menschen ein von
allen künstlichen Zeitmaassen ganz unabhängiges gibt, nach welchem das
Fortschreiten der Zeit durch Gefühle und Ideen bezeichnet wird. Vermöge dieses
natürlichen Zeitmaasses muss eben die Zeit, welche im Durchleben sehr rasch
vorüber zu fliegen scheint, in der Zurückerinnerung eine große Ausdehnung
gewinnen, und umgekehrt die träg vorüber schleichende Zeit in der Erinnerung
zusammen schrumpfen. Da ich aber die letzte Erfahrung durchaus noch nicht an mir
selbst gemacht habe, so muss ich daraus schließen, dass noch ein hohes Maß von
Lebenskraft in mir ist, und ich für eine ungewöhnlich lange Dauer bestimmt bin.
Doch dies komme, wie es wolle, ich werde mit meinem Geschick künftig eben so
zufrieden sein, als ich es gegenwärtig bin. Das Einzige, warum ich den Himmel
bitten möchte, ist die Erhaltung der letzten Freunde, die er mir zuführte.
Bessere werd' ich niemals wiederfinden, und ein freundloses Leben hat so viel
Abscheuliches für mich, dass ich lieber gar nicht mehr existieren will, wenn die
