 gehört der Vorsprung in dem alten gotischen Dome. Hier sitze ich bei
dem dämmernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft
selbst wie ein Nachtgeist vor. Der Ort lädt zu Betrachtungen ein; heute führte
es mich auf meine eigene Geschichte, und ich blätterte, gleichsam aus
Langeweile, mein Lebensbuch auf, das verwirrt und toll genug geschrieben ist.
    Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus, und pagina V handelt
nicht von meiner Geburt, sondern vom Schatzgraben. Hier sieht man mystische
Zeichen, aus der Kabbala und auf dem erklärenden Holzschnitte einen nicht
gewöhnlichen Schuhmacher, der das Schuhmachen aufgeben will, um Gold machen zu
lernen. Eine Zigeunerin steht daneben, gelb und unkenntlich und das Haar
struppig um die Stirn gezauset; sie unterrichtet ihn im Schatzgraben, gibt ihm
eine Wünschelrute und zeigt auch genau den Ort an, wo er in drei Tagen einen
Schatz heben soll. Ich habe heute bloß die Laune mich bei den Holzschnitten in
dem Buche aufzuhalten, und somit gehe ich zum
                              zweiten Holzschnitte
über. Hier ist der Schuhmacher wieder, ohne die Zigeunerin; sein Gesicht ist
diesmal dem Künstler schon weit ausdrucksvoller gelungen. Es hat kräftige Züge
und zeigt an, dass der Mann nicht bloß bei den Füßen stehen geblieben, sondern
ultra crepidam gegangen ist. Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen
des Genies, und macht es einleuchtend, wie derjenige, der ein guter Hutmacher
geworden wäre, einen schlechten Schuhmacher abgeben muss, und auch im
Gegenteile, wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt. - Das Lokale ist ein
Kreuzweg, die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das
Zikzak am Himmel einen Blitz bedeuten. Es ist klar, ein anderer ehrlicher Mann
von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon; unser Genie aber lässt sich
nicht stören. Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben;
und ist auch schon darüber aus gewesen, sein erobertes Schatzkästlein zu öffnen.
Doch, o Himmel, sein Inhalt ist wohl nur allein für den kuriosen Liebhaber ein
Schatz zu nennen - denn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kästlein, und
zwar ohne alle fahrende Habe, und schon ein ganz fertiger Weltbürger.
    Was mein Schatzgräber für Betrachtungen über seinen Fund angestellt hat,
davon steht nichts auf dem Holzschnitte, weil der Künstler die Grenzen seiner
Kunst nicht im mindesten hat überschreiten wollen.
                              Dritter Holzschnitt
Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nöten. - Auf einem Buche sitze ich, aus
einem lese ich; mein Adoptiv-Vater beschäftigt sich mit einem Schuhe, scheint
aber zugleich eigenen Betrachtungen über die Unsterblichkeit Raum zu geben. Das
Buch worauf ich sitze, enthält Hans Sachsens Fastnachtsspiele, das woraus ich
lese, ist Jakob Böhmens Morgenröte, sie sind der Kern
