 Tagen starb er, und ihr Gram
war gemässigter, als er vielleicht ohne dies unglückliche Bekenntnis gewesen sein
würde.
    Aber jetzt erst wurde die unerträglichste Bürde des Kummers über ihr Herz
hingewälzt. Zu ehrlich, um irgend Einem Unrecht zu tun, übernahm sie das
Schuldenregister des Verstorbenen mit Aufopferung ihrer ganzen Haabe zu tilgen.
Bei diesem Anlasse sah sie Briefschaften und Rechnungen durch, die ihr ein
schreckliches Licht über die Verirrungen des Verstorbenen gaben. Sie war das
Spiel des Mannes gewesen, dem sie so viel hingegeben hatte, und nie hatte er es
erfahren, dass sie zwei sehr annehmliche Partien, nach ihrer Eltern Tode,
seinetwegen ausgeschlagen hatte. Aber ihr wahrhaft religiöser Sinn entbrannte
nicht über die Vergehen des Einzelnen; doch härmte sie sich über die allgemeine
Gebrechlichkeit, der sogar eine Natur, wie die ihres Karls, unterliegen musste.
    Allem zu genügen und allen Recht widerfahren zu lassen, arbeitete sie jetzt
strenger, als je. Ihre Arbeiten erhielten durch ihre individuelle Lage einen
sehr anziehenden Charakter, der die zarteren Saiten menschlichen Gefühls höchst
lieblich berührte. Um diese Zeit wurde Albertine ihre Schülerin und ihre
Freundin. Der Unterschied der Jahre hinderte nicht den Einklang dieser
gleichartigen Naturen. Die ältere Freundin bewunderte neidlos die sich schön
entfaltenden Geistesblüten der jüngeren: und die jüngere erndtete freudig die
reiferen Geistesfrüchte der älteren ein.
    Dies war das Herz, zu dem Albertine sich flüchtete, wenn das Missfallen an
ihrer Umgebung ihrem Frohsinn gefährlich zu werden drohte. »Ach, Henriette!«
seufzte dann Albertine. »Diese Menschen sind erbärmlich verschroben!« fiel ihr
Madame Euler in's Wort; »und halten sich obenein für eminente Naturen, die uns
armen Menschen Pöbel unbegreiflich sind. - Aber - wir wollen sie schon
begreifen, und dann sollen sie uns eine lustige Stunde machen!«
 
                                Sechstes Kapitel
Die schönen Sommertage waren dahin, und schon erinnerte die frühere Dämmerung
und der nebelartige Tau, der sich Abends auf die Fluren senkte, dass der Herbst
nahe sei, und die Familie zur Stadt zurück kehren werde.
    Albert war indessen um kein Haar breit weiter mit Albertinen gekommen. Sie
war sich immer gleich: offen, ehrlich, ohne Kunst; und eben dies war die
Ursache, dass es ihm schien, als sei ihr mit Liebe, die gern kleine Schleifwege
einschlägt, und in mysteriösen Lauben weilt, gar nicht beizukommen. Ihr Tun und
Treiben war so kindlich offen, und doch so klug, dass Albert sich in ihrer Nähe
wie durch tiefe Ehrfurcht gebunden fühlte; denn auch er war grad' und bieder;
seine Bescheidenheit war wirkliche Bescheidenheit, nicht Linksheit oder
Blödigkeit, die jungen Männern ohne Gewandheit und Talent zum geselligen Leben,
so oft den Ruf der Bescheidenheit zu Wege bringen.
    Albertinens
