, und hütet
sich wohl, die Mannichfaltigkeit zu verlassen, die ihm Stoff genug und auch die
nötigen Vergleichspunkte darbietet. Ich möchte fast sagen, das Chaos muss in
jeder Dichtung durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern. Den Reichtum
der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung fasslich und anmutig,
dagegen auch das bloße Ebenmaass die unangenehme Dürre einer Zahlenfigur hat. Die
beste Poesie liegt uns ganz nahe, und ein gewöhnlicher Gegenstand ist nicht
selten ihr liebster Stoff. Für den Dichter ist die Poesie an beschränkte
Werkzeuge gebunden, und eben dadurch wird sie zur Kunst. Die Sprache überhaupt
hat ihren bestimmten Kreis. Noch enger ist der Umfang einer besonderen
Volkssprache. Durch Übung und Nachdenken lernt der Dichter seine Sprache kennen.
Er weiß, was er mit ihr leisten kann, genau, und wird keinen törichten Versuch
machen, sie über ihre Kräfte anzuspannen. Nur selten wird er alle ihre Kräfte in
Einen Punkt zusammen drängen, denn sonst wird er ermüdend, und vernichtet selbst
die kostbare Wirkung einer gutangebrachten Kraftäusserung. Auf seltsame Sprünge
richtet sie nur ein Gaukler, kein Dichter ab. Überhaupt können die Dichter nicht
genug von den Musikern und Mahlern lernen. In diesen Künsten wird es recht
auffallend, wie nötig es ist, wirtschaftlich mit den Hülfsmitteln der Kunst
umzugehn, und wie viel auf geschickte Verhältnisse ankommt. Dagegen könnten
freilich jene Künstler auch von uns die poetische Unabhängigkeit und den innern
Geist jeder Dichtung und Erfindung, jedes ächten Kunstwerks überhaupt, dankbar
annehmen. Sie sollten poetischer und wir musikalischer und mahlerischer sein -
beides nach der Art und Weise unserer Kunst. Der Stoff ist nicht der Zweck der
Kunst, aber die Ausführung ist es. Du wirst selbst sehen, welche Gesänge dir am
besten geraten, gewiss die, deren Gegenstände dir am geläufigsten und
gegenwärtigsten sind. Daher kann man sagen, dass die Poesie ganz auf Erfahrung
beruht. Ich weiß selbst, dass mir in jungen Jahren ein Gegenstand nicht leicht zu
entfernt und zu unbekannt sein konnte, den ich nicht am liebsten besungen hätte.
Was wurde es? ein leeres, armseliges Wortgeräusch, ohne einen Funken wahrer
Poesie. Daher ist auch ein Märchen eine sehr schwierige Aufgabe, und selten
wird ein junger Dichter sie gut lösen.
    Ich möchte gern eins von dir hören, sagte Heinrich. Die wenigen, die ich
gehört habe, haben mich unbeschreiblich ergötzt, so unbedeutend sie auch sein
mochten.
    Ich will heute Abend deinen Wunsch befriedigen. Es ist mir Eins erinnerlich,
was ich noch in ziemlich jungen Jahren machte, wovon es auch noch deutliche
Spuren an sich trägt, indes wird es dich vielleicht desto lehrreicher
unterhalten, und dich an manches erinnern, was ich dir gesagt habe.
    Die Sprache, sagte Heinrich, ist wirklich eine kleine
