 um
jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bei den Bildern ist die Natur die
herrlichste Lehrmeisterin. Sie erzeugt unzählige schöne und wunderliche Figuren,
gibt die Farben, das Licht und den Schatten, und so kann eine geübte Hand, ein
richtiges Auge, und die Kenntnis von der Bereitung und Vermischung der Farben,
die Natur auf das vollkommenste nachahmen. Wie natürlich ist daher auch die
Wirkung dieser Künste, das Wohlgefallen an ihren Werken, zu begreifen. Der
Gesang der Nachtigall, das Sausen des Windes, und die herrlichen Lichter, Farben
und Gestalten gefallen uns, weil sie unsere Sinne angenehm beschäftigen; und da
unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervorbringt, so eingerichtet
sind, so muss uns auch die künstliche Nachahmung der Natur gefallen. Die Natur
will selbst auch einen Genuss von ihrer großen Künstlichkeit haben, und darum hat
sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich über ihre Herrlichkeit
freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche
Art allein hervorbringt, dass sie es auf mannichfaltigere Weise, und zu allen
Zeiten und allen Orten haben und genießen kann. Dagegen ist von der Dichtkunst
sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit
Werkzeugen und Händen; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon: denn das
bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst.
Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äußern Sinne mit angenehmen
Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligtum des
Gemüts mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen
Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und gibt uns durch Worte eine
unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und
künftige Zeiten, unzählige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten
Begebenheiten in uns herauf, und entreißen uns der bekannten Gegenwart. Man hört
fremde Worte und weiß doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt üben
die Sprüche des Dichters aus; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden
Klängen vor, und berauschten die festgebannten Zuhörer.
    Ihr verwandelt meine Neugierde in heiße Ungeduld, sagte Heinrich. Ich bitte
euch, erzählt mir von allen Sängern, die ihr gehört habt. Ich kann nicht genug
von diesen besonderen Menschen hören. Mir ist auf einmal, als hätte ich irgendwo
schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hören, doch kann ich mich
schlechterdings nichts mehr davon entsinnen. Aber mir ist das, was ihr sagt, so
klar, so bekannt, und ihr macht mir ein außerordentliches Vergnügen mit euren
schönen Beschreibungen.
    Wir erinnern uns selbst gern, fuhren die Kaufleute fort, mancher frohen
Stunden, die wir in Welschland, Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von
Sängern
