 so
gebe ich mich gefangen.
 
                           Ein und funfzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Das habe ich nicht gewusst und - aufrichtig gesagt - das würde ich auf keinen
Fall geglaubt haben. Sie selbst fodre ich auf; wenn Sie diese Briefe nicht
empfangen hätten; würden sie geglaubt haben, der Obriste könne sie schreiben? -
    Aber was beweisen sie denn nun, diese Briefe? Dass er Julie begreift?
Immerhin! aber denken Sie an mich! dieses Begreifen wird Julie doppelt elend
machen.
    Sich ganz zu ihr erheben; das vermag er nicht. Die Fieberhitze gibt ihm
jetzt Kraft; aber diese Kraft wird mit dem Fieber verschwinden.
    Könnte Julie immer so unabhängig, so entfernt von ihm bleiben; ich würde
mich selbst zur Täuschung geneigt fühlen. Aber, geben sie Acht! Sie ist in
seiner Gewalt, und bei dem besten Willen wird jede Täuschung unmöglich. Der
Obriste muss in seinen eigentlichen Charakter zurückfallen. Dann wird er seine
Frau für eine Schwärmerin erklären, und diese Schwärmerei entweder verspotten,
oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen.
    Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich erträglich. Aber wie?
wenn er sich rächt für die Überlegenheit seiner Frau? - Haben sie auch daran
gedacht? -
 
                           Zwei und funfzigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Wahrlich, mein Fräulein! Sie sehen weit in die Zukunft; aber wer kann Sie darum
beneiden? - In der Tat! ich halte Sie jetzt für die Unglücklichste von uns
Allen.
    Warum nun der Hoffnung so gänzlich entsagen? warum nun das Schlimmste
ergreifen? - Der Obriste soll sich rächen für die Überlegenheit seiner Frau? -
Nein, mein Fräulein! das liegt nicht in der männlichen Natur; oder diese
Überlegenheit muss sich auf eine sehr unliebenswürdige Weise ankündigen.
    Nur ein Pfaffe könnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten.
Könnte sich rächen, wenn sie mehr wäre, als er sich vorgenommen hätte zu
scheinen. Der wahre Mann ist gewöhnlich zu sinnlich, zu sehr durch die Gegenwart
gefesselt, zu sehr von ihr begünstigt, um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu
wollen. Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt, und wenn es ihm in
diesem Reiche nicht gar zu übel ergehet; so denkt er nur spät an das Andre.
    Überdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen für seine
irdischen Wünsche. Wo er hervortreten will, da zieht sie sich zurück, wo er
erndten will, da hat sie niemals gesäet. Mit einem Worte! hier ist kein
Wetteifer möglich. Weswegen soll er sich rächen.
    Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen. Und freilich, hier gestehe ich
Ihnen, wird mir bange. Doch was kann diese Bangigkeit helfen! Julie hat
entschieden, und wir vermögen nichts, als ihr Schicksal zu mildern.
