 Selbstbiographien machen müsse; keine
stärkere Züge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Kortona (oder
Beretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein
lachendes umzeichnete, und dieses in jenes zurück.
    Voltaire verlangte mehr als einmal - wie bei allen Sachen; denn er gab der
Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte
sich und alles unverdrossen -, dass der Historiker seine Geschichte nach den
Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt.
Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles
und griechische Muster geben, dass der Schauspieldichter jeder historischen
Begebenheit, die er behandelt, alles leihen müsse, was der poetischen Täuschung
zuschlägt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und dass er Schönheit nie der
Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die
leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser große Teaterdichter
des Weltteaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und
Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewiss sein konnte, er gelange eher
zur Täuschung. Und das ist eigentlich die echte, dem historischen Romane
entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern andere - nämlich der
Lehnpropst und die Legationssekretäre - können entscheiden, inwiefern ich eine
wahre Geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Unglück ists, dass schwerlich je
die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst dürfte mir
vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, dass Kenner meine dichterischen
Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und danach
leichter jedem von uns das Seinige geben, sowohl der Wahrheit als mir. Allein
auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen, skandalöse Chroniker nolens
volens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint. -
    Aber unter dem Komponieren der Geschichte muss ein Autor auch darauf
auslaufen, dass sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate, sondern
auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z.B. für einen schlimmen Fürsten
einen Namen wähle, seh' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und
regierten Häupter durch, um keinen Namen zu brauchen, den schon einer führt; so
werden in Otaheiti sogar die Wörter, die dem Namen des Königs ähnlich klingen,
nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet. Da ich sonst gar
keine jetzt lebende Höfe kannte: so war ich nicht imstande, in den Schlacht- und
Nachtstücken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage
biographischer Höfe malte, es so zu treffen, dass Ähnlichkeiten mit wirklichen
geschickt vermieden wurden; ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar
ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinzulegen, um mit Zuziehung
der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen
wenigstens
