 eine einzige zu kennen, ohne also im Stande zu
sein über sie zu urteilen, habe ich doch die klare Überzeugung, dass man zwar
Luisen alles was ihr Unglück betrifft und beweiset, auf ihr Wort glauben, über
vieles aber was das ihr getane Unrecht anbelangt, sie nicht für die
kompetenteste Richterinn annehmen kann. So geschah es, nachdem die Arme die
schreckliche Epoche ihrer Verstandesverwirrung überstanden hatte, dass man auf
die Meinung hin, ihre Vernunft sei nicht wieder hergestellt, manches gegen sie
tat, das während ihrer schwachen Genesung heftig genug auf sie wirkte, um
Entschlüsse in ihr hervorzubringen, welche, so hell auch ihr eigenes Bewusstsein
dabei war, die Personen von denen sie umgeben war, wiederum in ihren
Vorurteilen bestärken mussten. In diesem und manchem ähnlichen Fall ist es
unläugbar, dass sie Unrecht litt; aber zweifelhaft ist es, ob man ihr Unrecht
tat? Und in einem solchen Labirint trieb sie ihr grausames Schicksal mit den
Menschen, die sie zunächst angingen, unaufhörlich herum. Welche Szenen von
Verzweiflung würden, zum Beispiel, die Geständnisse ihres Gemahls enthüllen,
wenn dieser die Gewohnheit gehabt hätte, so über sich zu brüten wie seine
unglückliche Frau? Sie brütete, litt, weinte: und er war schwerlich glücklicher,
indem er nach seiner Art, nach der Stimmung seines Karakters fühlte, die ihn
antrieb zu toben, oder sich auf jede Weise von der Veranlassung seines Unglücks
zu zerstreuen, oder gar sich an ihr zu rächen; während Luise mit gleichem,
wiewohl noch unvermeidlicherem Egoismus fortfuhr, nur von ihrem Kummer
auszugehen, der doch, durch seinen Einfluss auf ihren Charakter, die nächste
Ursache des Missverhältnisses war. So behandelte und dachte sie die Menschen oft
besser als sie waren; so erblickte und fühlte sie die nämlichen Menschen eben so
oft schlimmer als sie waren; so gab ihre Güte ihr nie diejenige Kraft, welche
andre im Zügel gehalten, und sie darüber hinweggesetzt hätte, über ihre und
andrer Handlungen und Motive peinlich zu grübeln; so stieß schwärmerische
Kleinlichkeit in ihr, unaufhörlich gegen gewöhnlich menschliche und
gesellschaftliche Kleinlichkeit in Andern!
    Die oberflächlichsten psychologischen Kenntnisse sind hinreichend, um auf
alle, von ihren Helden selbst verfassten Biographien, gewisse allgemeine
Vorsichtsregeln anzuwenden; und wenn eine Unglückliche, mit der Erzählung ihres
Lebens, fast nur eine einzige lange Krankheitsgeschichte vorträgt, muss man
allerdings noch eine besondere Rücksicht darauf nehmen: in wiefern ihre
Vorstellungen, von Menschen und Dingen, dem Einfluss ihres individuellen
Zustandes notwendig unterworfen sein mussten. Wenn aber ein Arzt, der einen
Fieberkranken besucht, und ihn mit Heftigkeit versichern hört, dass man ein
eisernes Band um seine Schläfe gelegt habe, oder ihm boshafter Weise von Zeit zu
Zeit die Kehle zudrücke: - wenn der erfahrne Art auch diese
