 Es waren so viele der fernsten Erinnerungen in mir
geweckt, die noch immer in wiederholten Gängen durch meinen Busen zogen. Es ist
manchmal, als wollte sich das Rätsel in uns selber aufschließen, als sollten wir
plötzlich die Anwendung aller unsrer Empfindungen und seltsamen Erfahrungen
kennenlernen. Die Nacht umgab mich mit hundertfachen Schauern, der monderhellte
durchsichtige Himmel wölbte sich wie ein Kristall über mir, und spiegelte die
seltsamsten Empfindungen wie Schatten in diese Welt hinein. - Rosalinens
wehmütige Gestalt war mit unter den bunten Schatten, sie ging neben mir, und
verlor sich im krausen Dunkel jedes Baums, und stand im hellen Mondscheine
wieder da: wie Tapeten voll seltsamer Geschichten gewirkt, hing die ganze Natur
um mich her. Vergangenheit und Zukunft waren auf eine wunderbare Weise
dargestellt, ich ahndete eine Menge von trüben und fröhlichen Empfindungen
gleichsam im voraus.
    Es fällt mir oft ein, warum ich gerade so und nicht anders empfinde, und
warum ich vorzüglich auf diese Frage geführt bin, die mir gewiss in keiner andern
Seelenstimmung beifallen würde. Die Vorstellung unserer Individualität ist die
seltsamste, die uns überraschen kann.
    Ich bin äußerst begierig, um endlich den wunderbaren Mann kennenzulernen,
von dem wir fast täglich gesprochen haben. Ich kann mir sehr gut einen Menschen
vorstellen, der eine unumschränkte Gewalt über alle Gemüter hat, die ihn
umgeben; aber es muss das interessanteste Studium sein, einen solchen näher
kennenzulernen, selbst zu fühlen, auf welche Art er an unsern Ideen und Gefühlen
reißt, und sich so gleichsam zu ihm hinaufzuheben, indem wir lernen, wie er auf
uns wirkt, und er begreift, wie er auf uns wirken kann. Ich wünsche seine
Bekanntschaft, und fürchte mich doch vor unsrer ersten Unterredung. Sie haben
gewiss viel zu freundschaftlich das Wort geführt, und er findet mich vielleicht
einfältig und abgeschmackt, denn sosehr ich auch eine Zeitlang die höhere
Achtung vor allen Menschen hatte, so war es mir doch leichter, mit ihnen
umzugehn, und mein Benehmen freier, als jetzt, da ich die meisten verachte. Wenn
ich einen Mann von Verstand zum ersten Male sehe, bin ich leicht in
Verlegenheit, ich fühle mich so entfernt von ihm, die fremde Art, dieselben
Gedanken, die ich habe, zwar auch zu denken, aber in seinen Begriffen anders zu
ordnen, macht mich verwirrt, und durch die Bemühung, mich ihm recht verständlich
zu machen und näherzubringen, werd ich immer weiter von ihm entfernt, vorzüglich
aber, wenn ich noch obenein bemerke, dass er sich nach mir bequemen will. - Ich
wollte, man könnte sich immer erst nach einigen Vorreden kennenlernen, so wie
man manche Schriftsteller nur nach einigen vorausgeschickten, allgemeinen Ideen
verstehen kann. -
 
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                             Rosa an William Lovell
Ihre
