 Eins. Nur durch Erfindung mehrerer und vollkommener Instrumente sind
sie getrennt worden. Was wir jetzt besonders Musik nennen, ist weiter nichts,
als Schönheit von der Musik der Sprache. Wo die Sprache schon an und für sich
viel Musik hat, ist die Komposition leicht; man merkt auch das Willkürliche da
weit weniger.«
    Um beide nicht ausschweifen zu lassen, warf Hildegard folgende Frage auf:
»Ist der Gesang beim Menschen entweder Natur, oder bloß Kunst, oder beides
zugleich?«
    Lockmann antwortete:
    »Durch ein Gleichniss wäre die Sache leicht entschieden. Der Gesang ist gegen
gewöhnliche Rede, was Tanz gegen gewöhnlichen Schritt und Gang, oder Sylbenmaass
gegen Prose ist. Wie Sprung und abgemessner Schritt schon im gemeinen Leben, wie
Verse zuweilen schon im gewöhnlichen Gespräch vorkommen: so schon auch Gesang.«
    »Nach diesem wäre der Gesang bloß erhöhte idealische Aussprache. Der Mensch
treibt es bei allen seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen bis zur Vollkommenheit.
Die Musik wäre also Kunst, die Töne der gewöhnlichen Aussprache, und, in
weitläuftigem Verstande, die Töne der ganzen Natur, zur höchsten Vollkommenheit
zu bringen.«
    »Bei allen drei Künsten zeigen die Virtuosen wie die reichen Leute ihren
Luxus: ein Vestris in Schritten und Sprüngen; ein Sophokles in Worten und
Sylbenmaassen; ein Marchesi in starken reinen Tönen, und schnellen Läufen von
erstaunlichem Umfang. Alle Drei steigen weit über das bloße Bedürfnis, den
Ausdruck, hinaus, und wir bewundern die Kraft und Vollkommenheit dieser
Menschen. Das, was sie darstellen, ist zuweilen bloß Nebenwerk, und dient nur,
dass sie ihre Kunst dabei zeigen können.«
    »Inzwischen ist der Stoff bei der Musik von weit höherer Art und tiefrer
Natur, als bei den andern Künsten. Wenn ein Mensch singt; so ist es, als ob er
auf einmal seine Kleider abwürfe, und sich im Stande der Natur zeigte: so etwas
Inniges, Himmlisches liegt in dem Kontrast von abgemessnen Tönen. Die gewöhnliche
Aussprache scheint eher ein armseliges Überbleibsel, ein Ruin, ein
Aschenhäufchen von der Melodie, als deren Wurzel oder Quelle zu sein.
Vortrefliche Musik ist vollkommen reine Natur; die gewöhnliche Aussprache
Konvenienz. Vortrefliche Melodien sind wiederhergestellte Töne der Natur; und
die Kunst verstärkt und verziert dieselben durch die Begleitung von
Instrumenten. Die Griechen scheinen unter den bekannten Völkern, schon nach der
späteren Erfindung ihrer Accente zu schließen, am mehrsten Melodie in ihrer
gewöhnlichen Aussprache gehabt zu haben.«
    »Die Hauptquelle der Musik liegt also im Herzen, und wenigstens bei uns
nicht in der Aussprache. Ein Komponist kann diese nicht nachahmen, wie ein
Mahler sein Modell; er ist, wenn er das Gewöhnliche nicht nachleiert, mehr
Schöpfer, als irgend ein andrer Künstler.«
    »
