 Mensch überhaupt bei
gleichen Situazionen fühlen muss, zuweilen unendlich erhabner und wahrer, als der
mittelmäßige Dichter selbst fühlte.«
    »Welcher Mensch von Geist und Geschmack will nicht lieber die Musik des
Traetta zur Sophonisbe gemacht haben, als die mittelmäßige Poesie des Verazi
dazu, und ein Dutzend solcher Operntexte? Welcher Mensch von Geist und Geschmack
nicht lieber die Musik des Jomelli zur Dido, als den Text? Wirklich armselige
Gewänder um die lebendigen Formen der Schönheit.«
    »Wer eine Melodie ohne Worte singt, braucht dazu die Buchstaben, welche am
leichtesten auszusprechen sind: da, da, da; oder la, la, la; oder a, a, a; und
andre.«
    »Diesem nach würde die Sprache am singbarsten sein, welche am mehrsten
solche Sylben und Wörter hätte, wobei der Ton am reinsten und vollsten aus der
Kehle in die Luft käme. Melodie und Harmonie herrschten darin am mehrsten in
ihrer eignen Stärke und Schönheit. Bezeichnete eine solche Sprache noch außerdem
vortrefflich die Natur der Dinge und Empfindungen: so wäre sie gewiss für die
Musik die vollkommenste. Dies mag jedoch schwer zu vereinigen sein.«
    »Bittre, schmerzhafte Gefühle, gewaltige, furchtbare und verheerende Dinge
und Begebenheiten, raue Gegenstände werden durch glatte leichte Worte gewiss
nicht natürlich dargestellt. Das Allgemeine vergnügt nur den ewigen Verstand;
das Individuelle allein reizt das zeitliche Leben. Das Interesse erzeugt die
Leidenschaften; und mit diesen hat es die Musik vorzüglich zu tun. Für den
Ausdruck würde also die Sprache die vollkommenste sein, welche Gefühle und
Gegenstände schon durch bloße Worte sinnlich darstellte.«
    »Die Italiänische Sprache hat beides; doch das letztre vielleicht in manchem
schon zu abgeschliffen. Der Deutsche ist nicht reich genug an singbaren Sylben;
hat aber eine Menge unverdorbner vortrefflicher Wörter für den Ausdruck.«
    »Man hat im Accent der Sprache die Quelle der Musik, und in jeder besonderen
die Quelle der Nazionalmusik gesucht und zu finden geglaubt. Aber die höheren und
tieferen Töne, das Melodische der Declamazion liegt nicht in der Sprache an und
für sich, sondern im Charakter des Menschen, der sie spricht, und in den Sitten
der Stadt und Nazion.«
    »Bei Übersetzung des Originaltextes der Musik in eine andre Sprache muss
natürlich allezeit viel verloren gehen; viel nämlich von der Sprachmusik zu
Melodie und Harmonie.«
    »Nur fürs erste eine kleine Bemerkung,« unterbrach ihn Reinhold.
    »Wenn man Melodie und Harmonie der Worte beraubt; so ist es eben, als wenn
ich den Geist abziehe von Blumen, Blüten und Kräutern: es bleibt das
Allgemeine; das Individuelle geht verloren. Das Wort ist die Form des Tons; und
menschliche Musik ist auch vom Wort unzertrennlich. Poesie und Musik waren
ursprünglich
