
 
                              Vierzehntes Kapitel
Das Gespräch der beiden neuen Bekannten wurde gar bald vertraut und lebhaft.
Denn als Wilhelm dem niedergeschlagenen Jüngling sein Verhältnis zu den Eltern
des Frauenzimmers entdeckte, sich zum Mittler anbot und selbst die besten
Hoffnungen zeigte, erheiterte sich das traurige und sorgenvolle Gemüt des
Gefangenen, er fühlte sich schon wieder befreit, mit seinen Schwiegereltern
versöhnt, und es war nun von künftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.
    »Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein«, versetzte Wilhelm;
»denn Sie scheinen mir beiderseits von der Natur bestimmt, in dem Stande, den
Sie gewählt haben, Ihr Glück zu machen. Eine angenehme Gestalt, eine
wohlklingende Stimme, ein gefühlvolles Herz! Können Schauspieler besser
ausgestattet sein? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen dienen, so wird es
mir viel Freude machen.«
    »Ich danke Ihnen von Herzen«, versetzte der andere; »aber ich werde wohl
schwerlich davon Gebrauch machen können, denn ich denke womöglich nicht auf das
Theater zurückzukehren.«
    »Daran tun Sie sehr übel«, sagte Wilhelm nach einer Pause, in welcher er
sich von seinem Erstaunen erholt hatte, denn er dachte nicht anders, als dass der
Schauspieler, sobald er mit seiner jungen Gattin befreit worden, das Theater
aufsuchen werde. Es schien ihm ebenso natürlich und notwendig, als dass der
Frosch das Wasser sucht. Nicht einen Augenblick hatte er daran gezweifelt, und
musste nun zu seinem Erstaunen das Gegenteil erfahren.
    »Ja«, versetzte der andere, »ich habe mir vorgenommen, nicht wieder auf das
Theater zurückzukehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung, sie sei auch welche
sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann.«
    »Das ist ein sonderbarer Entschluss, den ich nicht billigen kann; denn ohne
besondere Ursache ist es niemals ratsam, die Lebensart, die man ergriffen hat,
zu verändern, und überdies wüsste ich keinen Stand, der so viel Annehmlichkeiten,
so viel reizende Aussichten darböte, als den eines Schauspielers.«
    »Man sieht, dass Sie keiner gewesen sind«, versetzte jener.
    Darauf sagte Wilhelm: »Mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem Zustande
zufrieden, in dem er sich befindet! Er wünscht sich immer den seines Nächsten,
aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnt.«
    »Indes bleibt doch ein Unterschied«, versetzte Melina, »zwischen dem
Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so handeln.
Ist wohl irgendein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer und mühseliger in der
Welt? Beinahe wäre es ebenso gut, vor den Türen zu betteln. Was hat man von dem
Neide seiner Mitgenossen und der Parteilichkeit des Direktors, von der
veränderlichen Laune des Publikums auszustehen! Wahrhaftig, man muss
