 Unser armseliges treulos
ist ein unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genuss, mit Übermut und
Schadenfreude. O, die Ausbildung einer Nation ist zu beneiden, die so feine
Schattierungen in einem Worte auszudrücken weiß! Französisch ist recht die
Sprache der Welt, wert, die allgemeine Sprache zu sein, damit sie sich nur alle
untereinander recht betrügen und belügen können! Seine französischen Briefe
ließ sich noch immer gut genug lesen. Wenn man sich's einbilden wollte,
klangen sie warm und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen, waren es
Phrasen, vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle Freude an der ganzen Sprache, an
der französischen Literatur, selbst an dem schönen und köstlichen Ausdruck edler
Seelen in dieser Mundart verdorben; mich schaudert, wenn ich ein französisches
Wort höre!«
    Auf diese Weise konnte sie stundenlang fortfahren, ihren Unmut zu zeigen und
jede andere Unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen. Serlo machte früher
oder später ihren launischen Äußerungen mit einiger Bitterkeit ein Ende; aber
gewöhnlich war für diesen Abend das Gespräch zerstört.
    Überhaupt ist es leider der Fall, dass alles, was durch mehrere
zusammentreffende Menschen und Umstände hervorgebracht werden soll, keine lange
Zeit sich vollkommen erhalten kann. Von einer Teatergesellschaft so gut wie von
einem Reiche, von einem Zirkel Freunde so gut wie von einer Armee lässt sich
gewöhnlich der Moment angeben, wenn sie auf der höchsten Stufe ihrer
Vollkommenheit, ihrer Übereinstimmung, ihrer Zufriedenheit und Tätigkeit
standen; oft aber verändert sich schnell das Personal, neue Glieder treten
hinzu, die Personen passen nicht mehr zu den Umständen, die Umstände nicht mehr
zu den Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden war, fällt
nunmehr bald auseinander. So konnte man sagen, dass Serlos Gesellschaft eine
Zeitlang so vollkommen war, als irgendeine deutsche sich hätte rühmen können.
Die meisten Schauspieler standen an ihrem Platze; alle hatten genug zu tun, und
alle taten gern, was zu tun war. Ihre persönlichen Verhältnisse waren leidlich,
und jedes schien in seiner Kunst viel zu versprechen, weil jedes die ersten
Schritte mit Feuer und Munterkeit tat. Bald aber entdeckte sich, dass ein Teil
doch nur Automaten waren, die nur das erreichen konnten, wohin man ohne Gefühl
gelangen kann, und bald mischten sich die Leidenschaften dazwischen, die
gewöhnlich jeder guten Einrichtung im Wege stehen und alles so leicht
auseinanderzerren, was vernünftige und wohldenkende Menschen zusammenzuhalten
wünschen.
    Philinens Abgang war nicht so unbedeutend, als man anfangs glaubte. Sie
hatte mit großer Geschicklichkeit Serlo zu unterhalten und die übrigen mehr oder
weniger zu reizen gewusst. Sie ertrug Aureliens Heftigkeit mit großer Geduld, und
ihr eigenstes Geschäft war, Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine Art
Bindungsmittel fürs Ganze, und ihr Verlust
