, aus innerer Güte der menschlichen
Natur, eben so groß und edel handelte, wie die fein cultivirte Liddy; aber
nichts von dem! Doch, was noch mehr ist, dieser ganze Charakter ist ein
Hirngespinnst. Denken Sie Sich, wenn Sie können, ein mannbares und noch
obendrein manntolles Mädchen, das, unter Wilden erzogen, wo keine falsche
Delicatesse den Schleier über gewisse natürliche Dinge wirft, noch nicht wissen
soll, was ein Männchen und was ein Weibchen ist, und dass Mann und Frau zum
Heiraten nötig sind! Ein Mädchen, das lange genug in England gewesen ist, um
Schreiben gelernt zu haben und, indem es zwei Notarien, die beiden Brüder Smit,
Miss Liddy und den alten Musaffery, teils nach der Reihe, teils auf einmal
heiraten will, zeigt, dass es noch nicht weiß, dass, so wenig in Grossbrittanien,
wie vielleicht in irgend einem Lande des Erdbodens, Vielmännerei erlaubt ist!
Eine schöne Naivetät!
    Fazir ist ein Wilder aus Bengalen und winselt und empfindelt, wie ein
Siegwart. Kaberdars Charakter ist gar nicht ausgemalt; Musaffery eben so wenig.
    Von dem alten Smit erfährt man nur so viel, dass er ein guterziger,
schwacher, unbedeutender Sterblicher ist.
    Robert, Liddy und Jack sind die einzigen Personen, die Physiognomie haben.
    Samuel und der Visitator haben Originalität, aber sie sind so offenbar von
teutscher Schöpfung, dass wohl schwerlich in ganz Grossbrittanien zwei solcher
Charactere werden gefunden werden.
    Wenn sich ein teutsches Fräulein mit allen albernen Prätensionen des
Adelstolzes an einen englischen Kaufmann verheiratete, so würde diese Torheit
doch gewiss in dem ersten Jahre ihres Aufenthalts in Grossbrittanien schon von ihr
weichen; Nichts kann ihr dort Nahrung geben; Man wird sie nicht einmal verstehen.
Die ganze Art der Zusammenlebung, die öffentliche persönliche Achtung, deren ein
Kaufmann daselbst in viel grösserm Maße, wie ein kleiner teutscher Edelmann,
genießt; das alles wird ihr die Grillen von ihren Ahnen bald vertreiben. - Wie
unnatürlich also, dass Mistriss Smit nach zwanzig bis dreißig Jahren noch den
Versuch wagt, diese Narrheit geltend zu machen! 3
    Die Notarien-Szene ist äußerst comisch; aber sie ist ein hors d'oeuvre und
gehört nicht dem Herrn von Kotzebue, sondern dem alten Vater Moliere.
    Wer Schauspiele schreibt, soll doch auch die Sitten des Landes studieren, in
welches er seine Szenen versetzt; auch das vergisst der Herr von Kotzebue in der
Eil, mit welcher er schreibt. Herr Smit heißt Sir John, folglich ist er
Baronet, denn kein Andrer führt in England vor seinem Taufnamen den Titel Sir.
Er selbst aber sagt, er sei von bürgerlicher Abkunft. Aber sei er Baronet; so
kann, bei seinen Lebzeiten, es doch sein Sohn nicht
