 Beute der Vorzeit besitzen. Ich konnte mein, durch die
glänzenden Überreste griechischer und römischer Kunst geblendetes Auge lange
nicht gewöhnen, an Euren oft unscheinbaren Reliquien Geschmack und Freude zu
finden - konnte mich nicht bereden, dass ein Tempel, der auf dem Gerippe eines
Heiligen erbaut, oder mit seinen Gebeinen und ehrwürdigen Lumpen behängt ist,
darum merkwürdiger als ein Panteon - erhabener sein sollte als ein Kolisee. Ja,
ich gestehe Euch mit Errötung, dass meine unter den Vorurteilen meines
Vaterlandes gebildete Seele immer widerstrebte, an die ausströmenden Kräfte zu
glauben, die Ihr von den Überbleibseln Eurer Märtyrer rühmt, und die Eure
geweihten Tafeln beweisen. Meine Zweifel verstärkten sich nur, je ernster ich
daran arbeitete sie zu heben, und setzten sich sogar einer Gewalt entgegen, der
vielleicht noch keine irrende Seele widerstanden hat. Mich hatte die Empfehlung
eines frommen Bischofs in die Bekanntschaft eines Eurer Mitbürger, in den Schutz
eines erleuchteten Mannes gebracht, dessen geringster Schmuck der königliche
Purpur ist, den er trägt. Ungern verschweige ich sein Lob in seiner Gegenwart,
und überlasse es Eurem Bewusstsein, die Ihr ihn näher und länger zu kennen das
Glück habt. Er nahm mich auf, als ob ihm das Bedürfnis meiner Seele schon im
voraus bekannt, und ihm der Gedanke sichtbar wäre, der über ihr schwebte. Sein
erstes Gespräch verbreitete sich lehrreich und freundlich über den Wert frommer
Reliquien. Er machte mich zum erstenmale mit den schätzbarsten derselben - mit
den drei Blasensteinen der heiligen Klara bekannt, die, beredter und
überzeugender als die Zungen der Schriftgelehrten, das größte Geheimnis unsers
Glaubens erläutern, indem sie sichtbar alle die Eigenschaften vereinigen, die
jeder rechtschaffene Christ der hochgelobten Dreieinigkeit beilegt. Das Visum
repertum, das er mir über diese Kleinodien vorlas, erschütterte zwar mein Herz,
das aber zu schwergläubig war, um nicht auch hier einen Vorwand zu finden, den
Eindruck zu entkräften, den es auf mich zu machen anfing. Misstrauen gegen die
Stimme der Wahrheit ist die natürliche Folge des Irrtums. Ich höre zwar, sagte
ich seufzend, das merkwürdige Zeugnis, und fühle das Unwiderstehliche der
Folgerungen, die es enthält, in seinem ganzen Umfange; aber wo sind die heiligen
Steine, die mir für die Wahrheit desselben bürgen? Wo sind sie? damit ich
hingehe und sie anbete, und mit ihnen in der Hand jene stolze eingebildete
Wissenschaft zum Schweigen bringe, die unserm Glauben die gebieterischen Sätze
eines heidnischen Euklides entgegen stellt. Sind sie, wie es das Ansehen hat, in
dem Tumulte der Zeiten verloren gegangen; so bleibt mir nichts übrig, als ihren
Verlust zu bejammern, und selbst so lange ihr ehemaliges Dasein zu bezweifeln,
bis sie sich wieder finden, und Gott die Ungleichheit zwischen mir und dem
glücklichen Sterblichen
