 beruhigen, die eine strenge, ungeläuterte Moral, im Ganzen
genommen, unbarmherzig verdammt. Du kannst denken, dass mir in meinen Umständen
dieser Sittenlehrer ungleich mehr behagen musste, als jeder andere, der, ohne nur
die Schwierigkeiten der Ausführung mit seinen Forderungen vergleichen zu wollen,
mir geradezu gesagt hätte: Tue recht und scheue niemand! Das ist weiter keine
Kunst. In diesem herrlichen Buche hingegen fand ich sogar mehr als ich suchte.
Wie viel Vorwürfe, die ich mir in meiner ersten misslaunigen Aufbrausung machte,
würde ich mir nicht erspart haben, hätte ich diesen gründlichen Schriftsteller
nur eine halbe Stunde eher gekannt! Ich las mich dick und satt, bis ich
vollkommen überzeugt war, dass, wären mir auch alle die Absichten gelungen, an
deren Ausführung mich das alte hämische Weib hinderte, ich zwar von der geraden
Straße ab - doch gar nicht viel umgegangen wäre.
    Ich schloss nicht unwahrscheinlich von dem Werte dieses einzelnen Buchs auf
die Wichtigkeit der ganzen Sammlung, holte mir, um bei der Entscheidung meiner
Streitfragen der Mehrheit der Stimmen gewiss zu sein, noch andere herbei, die
auch, mehr oder weniger, den guten Gründen jenes großen Kasuisten beitraten,
wovon ich Dir besonders einen gewissen Thomas Tambourin nennen und empfehlen
will, der mir wirklich vielen Spaß gemacht hat. Hier hast Du den Titel seines
Buchs: Explicatio Decalogi, in qua omnes fere conscientiae casus, mira
brevitate, claritate, et quantum licet, benignitate, declarantur. -
    Ich war in guten Händen, wie Du siehst. Meine Lektüre ward immer
anziehender. Der Unterricht dieser vortrefflichen Männer hatte mich endlich so
fest gemacht, dass ich weiter keine Gefahr für mich sah, auch den ehrbaren
Sanchez mit zu Rate zu ziehen. Ich las bis in die sinkende Nacht hinein, ohne
seiner verwickelten Fragen und Auflösungen überdrüssig zu werden, und lege ihn
jetzt, da mein abgebranntes Licht mir kaum noch Zeit lässt, meinen Bericht an
Dich niederzuschreiben, mit den Worten aus der Hand, mit welchen die
vorgedruckte Approbation seines geistlichen Censors anhebt: Librum hunc legi,
perlegi, lectitavi, felix pensum D. Sanchez, Katol: Majest: in Regio
Incarnationis Koenobio a Sacello et Sacris: in quo nihil nec devium ab ortodoxa
nostra fide, nec obvium bonis moribus percepi etc. Und gehe nun, ich gestehe es
Dir, als der eifrigste Anhänger einer Gesellschaft zu Bette, der es, da sie so
vorzügliche Mittel gegen menschliche Schwachheiten im Vertriebe hat, nicht
fehlen kann, trotz der kleinen Kränkungen, die sie in unsern Zeiten erlitten
hat, an allen Enden der Erde Proselyten zu machen.
                                                                Den 4ten Januar.
    Von allen moralischen Hülfsmitteln der Lojoliten, die ich mir gestern Abends
eigen zu machen suchte, rührte mich keines so
