 zwei Zärtliche so gränzenlos mit einander teilen! -
Länger kann ich aber heute nicht mehr mit Dir schwazzen, und außer einem
Mäulchen, das ich dir aufdrükke, sag ich bloß noch, dass ich bin
                                                                   Deine Amalie.
 
                                 XXXVIII. Brief
                                   An Amalie
Hättest Du mir noch einen Monat länger nicht geschrieben, so würde ich mich
schon bei Dir selbst gemeldet haben, denn mir war für dein Schicksal bange. -
Übrigens, meine Liebe, bin ich mit deinen Bemerkungen über das Schauspiel sehr
zufrieden, und will Dir izt auch meine Meinung darüber sagen: Die Sitten
reisender Schauspieler sind fast durchaus verdorben. Der Grund davon liegt in
unendlichen, wovon ich nur den Hauptteil berühren will. Die Bühne ist der letzte
Zufluchtsort aller Gattung verlassner Menschen. Die meisten sind lüderliche
Bursche, oder ausgelassne Mädchen, die die Kunst bloß zum Dekmantel wählen. Die
allerkleinste Anzahl davon sind wahre Unglückliche, die aus Schicksal, aus Mangel
diesen Stand wählten. Wenn nun diese erstere Klasse von Menschen ohne Erziehung,
ohne Ehrengefühl, mit gränzenlosen Leidenschaften begabt, eine Bahn betreten, wo
so viel tausend Gelegenheiten diese Leidenschaften reizen, so müssen solche
Menschen weit ausschweifender werden als andere, die in den engen Schranken
ihres bürgerlichen Lebens nichts vom Neid, nichts vom Eigennutz und nichts von
der Wollust wissen. Schwäche der Seele, wenige Moral bei so häufigen
Versuchungen sind die Fehler dieser Unglücklichen, die sich den Lüsten eines
Jeden darstellen müssen und nicht Stärke genug haben, den Angriffen auszuweichen,
die das Vorurteil so frei, so allgemein, besonders bei den Schauspielerinnen
wagt. Man rechnet diese Frauenzimmer unter die allgemein buhlenden, und die
meisten leider beweisen es auch mit der Tat, dass man ihnen nicht Unrecht tut,
sie darunter zu rechnen. Veränderung der Lage, Armut, weibliche Eitelkeit,
Liebe zur Verschwendung, die durch schwärmerische Rollen gereizte Nerven,
Neuheit der Bekanntschaften, wozu diese Leute auf ihrem Herumreisen verleitet
werden, alles das zusammen genommen, bringt diese Schwachen zu so vielen
Ausschweifungen; und da die meisten aus ihrer Kunst ein Handwerk machen, so ist
es sehr wahrscheinlich, dass die Moral, die sie täglich auf der Bühne im Munde
führen, auf sie selbst nicht mehr wirkt. Ich habe Schauspielerinnen gekannt, die
es so weit im Mechanismus brachten, dass sie hinter den Kulissen manche der
Moral widrige Handlungen trieben, und einen Augenblick hernach mit allem
möglichen Schein auf der Bühne ernsthafte Empfindungen und eine Art Träume
nachahmten, dass der gröbere Teil des Publikums ihnen sogar Beifall zuklatschte.
- Der Kenner sieht nun freilich durch so eine Larve hindurch, und weis recht gut
zu unterscheiden, was für Gefühle Mutter Natur in eine Schauspielerin gelegt
hat, oder nicht. - Es ist kein richtigerer Weg um die hervorragenden Züge der
