 diesen Punkt
gegeben; denn eine jede will dabei ihrem Geschmack Ehre machen. Auch jetzt höre
ich die Stimmen sehr laut und unterscheidend reden.
    »Nein - sagt meine Tante - himmelblau ist die beste Farbe zum Brautkleide.«
    »Ach! gehen Sie doch mit Blau, das ist ja so gemein. Merde d'oye muss sie
wählen.«
    »Merde d'oye kleidet keiner Brünette; auch fängt diese Farbe schon an, aus
der Mode zu kommen. Am Hochzeittage muss man eine sanfte Farbe wählen. Blassrot,
die Farbe der Liebe, würde ihr am schönsten stehen.«
    »Blau ist die sanfteste Farbe unter allen - ruft meine Tante, durch den
Widerspruch der beiden Mädchen aufgebracht - und kleidet jedermann gut. Mich
dünkt, ich habe auch hier das größte Recht zu sprechen, ich weiß durch längere
Erfahrung als ihr jungen Dinger, was sich schickt. Blau, mit weißen Schleifen,
soll Sophie tragen. Das war mein Hochzeitputz.«
    »Warum nicht lieber mit grünen Schleifen und karmoisinroten Schuhen? Das
wäre noch elegant! hahaha!«
    Dieser unhöfliche Spott scheint meine Tante sehr aufzubringen; denn das
Gezänk wird so arg, dass ich kein Wort mehr verstehe. Ich muss nur dem Streit ein
Ende machen. Weißen Sommerstoff werde ich wählen, mit blassrotem Bande. Das ist
der Geschmack meines Karloheims. In diesen Farben sah er mich zuerst. -
                                                                         Sophie.
 
                            Zweiunddreissigster Brief
                                Marie an Sophien
Denken Sie an, Sophie, Albrecht ist verreiset. Dringende Geschäfte machten seine
Abwesenheit auf einige Monate notwendig. Beim Abschiede umarmte er mich
ziemlich kalt.
    »Ich bitte dich, Marie, suche dich während meiner Entfernung aufzuheitern.
Du weißt, ich kann das weinerliche Wesen nicht ausstehen. Lass mich dich heiter
wieder finden, meine Liebe. Ich habe Wildberg aufgetragen, dich unter der Zeit
so viel möglich zu zerstreuen, und dir auch bei etwan vorkommenden Fällen mit
gutem Rate beizustehen.«
    Mit diesen Worten verließ er mich, und meine mühsam aufgehaltnen Tränen
flossen nun reichlich. Gott, ist das der Abschied, den er von mir nimmt, auf so
lange Zeit! Der ganze Abschied, diese wenigen kalten Worte! Ach! wenn Eduard nur
auf einige Tage, nur auf wenige Stunden sich von mir trennte; wie waren dann
unsre Empfindungen so ganz anders gestimmt!
    Ich bemühte mich diese Gedanken zu verbannen, aber völlig verscheuchen
konnte ich sie nicht. O Sophie! Sie beurteilen Eduard ganz falsch. Er war weder
leichtsinnig noch unedel. Sein Herz war nur großen Empfindungen offen. Ich
wiederhole es Ihnen noch einmal: nur ganz besondere Umstände konnten ihn zu dem
Schritt bewegen, den er tat.
    Warum musste Albrecht zu meinem Gesellschafter in seiner Abwesenheit
Wildbergen wählen?
