 sie Mutter zu nennen.
 
                               Neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Da komm ich vom Frühstück aus dem Ittenschen Hause, trunken von Bewunderung und
noch nie gefühltem Vergnügen! - Ach Gott! was können die Menschen nicht, wenn
sie sich mit vereinigten Kräften des Guten befleissen; und was für ein seliges
Geschöpf bin ich durch die Bekanntschaft mit so vielen vortrefflichen Leuten!
Wenn man den Adel der Seele durch edle Freunde beweisen müsste, wie den der
Geburt, durch edle Ahnen: so wär ich ja in der höchsten Klasse. Vielleicht
könnte man da mir auch sagen: viel Glück, und wenig Verdienste! -- aber wir
wollen zu Frau Itten gehen. - Es ist ein altes steinernes Haus mit einem großen
Torweg, in den man durch eine kleine Türe kommt. Unten sind lauter große
Gewölbe, wovon sie eins zu einer sehr luftigen Heu- und Kornscheune gemacht, und
das andre zu ihrem Holzvorrat gebrauchen. In der Ecke führt eine hohe steinerne
Wendeltreppe in den Stock, der über den Gewölbern ist; dieser hält drei Zimmer
auf die Straße, wovon eins das ist, worin Kleberg auch das Erstemal war, und
was noch die Geräte von Ittens Großvater hat. Das Andre ist seine Arbeitsstube,
in der auch der Maulkorb am Fenster ist, wie mein mutwilliger Mann es nannte;
und das Dritte, wo Herr Linke auch nichts als weiße Vorhänge sah ist die reiche
Vorratskammer von Leinwand, Baumwolle, Flachs, samt vier gleichen Schränken
apart gestellt, mit den Namen der vier Töchter beschrieben, worin die Stücke
Weißzeug liegen, die sie sich durch ihren Fleiß geschafft haben. Die von den zwei
älteren Töchtern sind beinah ganz voll, zum Teil mit schön genähtem Tisch- und
Bettzeug, samt Hemden und Handtücher. Das ist alles so schön geordnet und
Blumen, von Federn gemacht, künstlich dazwischen gesteckt, welches zusammen auf
dem Himmelblauen Grunde, womit die Schränke inwendig bemahlt sind, einen recht
angenehmen Anblick gibt. - Ich sah bei dem Vorrat der älteren Töchter zwei
Stücke schön geblumtes Zeug liegen und sagte: da ist schöner Zitz! - Die Mutter
lächelte. - »Hannchen! weise es der Frau Residenten.« - Sie tat es; - was war
es? - Feiner, im Hause selbst gesponnener und gebleichter Kattun, worin mit der
feinsten englischen Wolle so niedlich gestickt war, als man es mit Seide immer
machen kann; und dies ist zu Betten und Stuhlküssen bestimmt. - Da sah ich erst
auch die Kleidung der Töchter an, die alle aus dergleichen Zeuge von ihrer
eignen Arbeit bestand. Hannchen hatte Ranken von Holzfarbe und blaue Windblumen
dazwischen, welches zu ihrer schönen blonden Farbe und feinem Wuchs gar artig
stand. Die Zweite, Lenette, ein liebenswürdig
