 ihre schwächliche Gesundheit abzehrte und ohne Kinder
starb.
    dabei sagt aber mir mein Oheim oft: »Gelehrt will ich Dich nicht haben: nur
den Geschmack des Wissens und ein vernünftig zuhörendes Aussehen, wenn von der
Geschichte, der Physik und andern Kenntnissen gesprochen wird.« - Sprachen und
Musik stünden einem Mädchen, das zur Frau eines Gelehrten oder guten Negocianten
bestimmt wäre, auch wohl an; ich solle aber ja niemals anders, als in einem
weiblichen Ton von alle dem reden, was ich auswendig gelernt, oder aufgehascht
haben könnte; denn durchgedacht hätte ich nicht viel, wie er glaubt.
    Letztin sah er mir eine Zeitlang zu, als ich nähte und mit vieler
Nettigkeit an seinen Manschetten besserte. Da sagte er mit seiner wahren
Gutherzigkeit: »Mädchen! die feinen Stiche Deiner Nadel sind eben so viel wert
als der Witz Deines Kopfs.«
    »Ich möchte wohl wissen, mein lieber Oheim, welchem von beiden Sie den
Vorzug geben?« -
    »Hum!« sagte er, und sah mich an. »Rosalia! wenn ich ein Alltags Oheim wäre,
und Du ein gewöhnliches Mädchen: so wählte ich gleich. Aber, da ich weder den
Eigensinn der Haushälter, noch die Eitelkeit der schönen Geister habe, die Euch
entweder nichts als Handarbeit, oder nur Witz, Poesien und feine Kenntnisse
erlauben wollen: so sage ich Dir, dass es mir leid wäre, in einem Mädchen Deines
Standes und Deiner Aussichten, eines von beiden zu missen, da beide beisammen
sein können; weil der Unterricht und die Übung in Haushaltswissenschaften die
Du brauchst, und die Umstände Deines Vermögens, Dir Zeit und Recht genug geben,
um auch Deinem Verstande die Kenntnisse und Wendung zu erwerben, durch die er
sich in Deinem Zirkel zeigen kann. Die Tochter, Nichte und Braut eines Gelehrten
ist sogar verbunden, Etwas zu wissen. Denn mit guter Einteilung der Zeit und
Gebrauch ihrer Talente können Mädchen, wie Du, neben den schuldigen und
vorzüglichen Geschicklichkeiten in Wirtschaftssachen, auch Muse genug finden,
Himmel, Erde und Menschen kennen zu lernen, um deutliche Begriffe von Allem zu
haben, was die Welt Gottes in sich fasst, auf der sie als unsere Freundinnen und
Gesellschafterinnen mit uns leben. Denn Ihr sollt eigentlich den feinsten und
süßesten Teil unserer Glückseligkeit besorgen, welches ihr ohne einen
geläuterten Geschmack und Empfindungen nicht tun könnt. Wenn Ihr aber ganz und
gründlich gelehrt würdet, so ginge diese Absicht, neben der von der Schöpfung,
an Euch verloren. Denn nicht nur der Reiz, den große Kenntnisse in sich haben,
der zur Ersteigung ihrer Höhe ermuntert, sondern auch Eure weibliche Eitelkeit,
würde Euch zu weit locken; und da versäumtet Ihr alle die unschätzbaren
Verdienste der guten
