 Beobachters erdulden dürfte oder könnte. Ich zeige auch
selten das ganze Bild meiner Seele; ich werfe auch hie und da einen Schleier,
ein Stück Mantel, über einzelne, wohl formirte und mit dem Ganzen
übereinstimmende Teile. Ich denke auch nicht an die schiefen Urteile, welche
schiefe Falten hervorbringen können und müssen: und nun will ich mich hinsetzen
und mich bei dem Bilde der Madonna mit dem Gefühle des Wiedervergeltungsrechts
trösten! - Es gibt ein moralisches Augenmaass für die Züge der Seele, wie ich es
für die Linien der körperlichen Schönheit und Regulärität habe, und wenn ich
verabsäume, den Schleier so um mich zu winden, dass die reine Gestalt der
moralischen Bildung auch durch die Decke leuchte: so muss ich's leiden, dass man
etwas Verkehrtes vermute. Denn von wem, besonders von einem Frauenzimmer, wird
man vermuten, dass sie gute und vorteilhafte Eigenschaften verbergen würde, und
dass sie in dem Augenblicke, wo sie Vorzug erhalten könnte, freiwillig darauf
entsagt? und doch bin ich so unbillig, zu klagen, wenn mir nicht dafür gedankt
wird! Aber, ich danke dem Manne, der mit edlem Eifer meine Tadelsucht bestrafte,
und mir die Anweisung gab, von meinen Nebenmenschen nicht mehr zu fodern, als
sie von mir erhielten. Doch, meine teure Mariane, würde ich mir's niemals
vergeben, wenn meine Nächstenliebe erst durch meine Selbstliebe erweckt und
tätig gemacht worden wäre. Nein, sie ist nur verträglicher geworden! Denn, in
Wahrheit, ich rügte alles zu lebhaft, was außer meinem Gefühl und Überzeugung
war. - Was kann die Feldblume davor, dass sie nicht von einem Kunstgärtner
gepflegt wurde? und was für ein Recht gibt das glückliche Loos einer guten
Besorgung der Gartenpflanze, die andern mit Übermut hager und mangelhaft zu
schelten? Was mich aber recht sehr verdriesst, ist, dass ich bemerke, wie durch
diesen Vorgang ein Teil meiner moralischen Empfindungen sinnlich geworden ist.
Denn ein Blick, den ich auf das Bild einer Madonna werfe, die in meinem Zimmer
hängt, gibt mir die lebhafteste Erinnerung zu milder Beurteilung der Fehler,
die ich an andern finde. Sogar ein blaues Kleid scheint mir ein Wink zu sein,
die Behutsamkeit für mich und andre nicht aus den Augen zu setzen. Ich dachte
schon, von nun an lauter blaue Armschleifen zu tragen, weil ich den Armfalten
eines Mantels von dieser Farbe, eine Wiederholung der Tugendlehre zu danken
habe. Doch fürchtete ich die Macht der Gewohnheit, die mich durch täglichen.
Gebrauch dieses Mittels gegen seine Wirkung unempfindlich machen könnte; zumal
man immer eher auf die Falten des Nächsten, als auf seine eigenen sieht. Sie
wissen, ich liebte die Mahlerkunst allezeit; nun gewiss mehr als jemals,
