 starb in einer seligen Stunde. - Ihr
Liebling, der Sohn unseres Bekannten, spielt' oft auf ihrem Grabe, das kein
Kraut des Fluchens, Dornen und Disteln, entehrte, obgleich es rund herum stand.
Es schien, als ob Dornen und Disteln Achtung für das Grab unserer Seligen
hätten. Der Sturmwind, wenn er daherfuhr und die Kirchenlinden absplitterte und
Äste brach, schonte der Blumen auf dieser heiligen Stätte. Sie war jedem
heilig, wie die Pforte des Himmels.
    Ich glaube, meine Leser verlieren bei diesem Auszuge, denn das
weitschweifige Original hatte Stellen, die schrecklich waren.
    Unser Bekannter war durch diesen denkwürdigen Tod noch nicht auf Bussgedanken
gebracht. Er konnte Charlottens Leiche sogar folgen, ohne eine Träne fallen zu
lassen!
    Das nenn' ich, sagte Herr v. G., Gericht der Verstockung! Die Trostlosigkeit
des Mannes unserer Charlotte bestätigte das Vorurteil, dass er Charlotten
unglücklich gemacht hätte. Man hielt es für Gewissensbisse. Die Umstände ihres
Todes, die unserm Bekannten, wiewohl zum größten Teil sehr unrichtig und nur
beiläufig, erzählt worden, bestätigten diesen unerhörten Wahn. - Da Charlotte
ihrem Ungetreuen auswich und ihn nicht anders als in ihrem Herzen sah, so
unterhielt alles die Ruhe unseres Bekannten, um mich desto unruhiger zu machen
(dies sind seine eigenen Worte).
    Der Herr v. G. bemerkte, dass ihm nichts schrecklicher, als ein ganz ruhiger
Mensch wäre. Die Ruhe der Weisen sei so sehr, bemerkte er, mit einer gewissen
seligen Unruhe, mit einer Sehnsucht verknüpft, dass man sie eine selige Unruhe
nennen könnte. Ruhe ist Dekoration, wie's eine Aufrichtigkeit von der Art gibt,
eine Aufrichtigkeit, die verkleideter Mord ist - und wodurch man sicherer
betrügt, als durch Rückhalt.
    Unsern Herrn und Meister, sagte Herr v. G., konnte nur eine gewisse Ruhe,
die Folge von einem göttlichen Ruf, kleiden - seinen Aposteln kommt sie schon
nicht zu - dem Sokrates nicht - wohl aber der Maria, des Herrn Mutter, und jedem
Weibe, das einen Sohn hat, der seiner Mutter Ehre macht. - Solch ein Weib hat es
vollendet. - Hier in der Welt sind wir in der streitenden Kirche. - Wer wird die
Hände in den Schoss legen? wer sein Auge sinken lassen? Ruhe ist der Anzug der
Seligen, der Vollendeten des Herrn! Von Gott kann man sagen: er sah an, was er
gemacht hatte, und siehe da: Es war alles sehr gut!
    Der Gang auf Vogelwild unseres Bekannten war sein letzter, ruhiger oder
verstockter Gang. Der Schuss, wodurch er seinen Sohn tödtete, sprengte sein
Gewissen auf. Knall und Fall passte nicht bloß auf seinen Sohn, sondern
