 und ich darf sagen, wir
wissen auch, dass wir manche Sachen besser einsehen als manche andere Leute, und
gleichwohl dürften wir beide vielleicht nie Schriftsteller werden.
    Sebaldus: Ich weiß nicht, was Sie zu tun willens sind. Ich aber, ich muss es
mit einiger Schüchternheit gestehen - ich arbeite schon seit vielen Jahren an
einem Kommentare über die Apokalypse.
    Magister: Über die Apokalypse? Da sind Sie bei mir mehr als jemand im
Verdachte, dass nicht allein die von Ihnen vorher angeführten schönen Absichten,
sondern einige kleine Nebenabsichten Sie zum Schriftsteller machen?
    Sebaldus: Ich bin mir keiner Nebenabsichten bewusst. Welche könnte ich auch
haben?
    Magister: Ich weiß nicht. Vielleicht ein wenig Ruhmsucht. Sie wollen der
Welt gern etwas Neues und Scharfsinniges sagen, denn etwas dem menschlichen
Geschlechte Nützliches werden Sie doch schwerlich sagen können. Die Apokalypse
ist eine dickschalige Zitrone, woraus so viele hundert Kommentatoren den wenigen
Saft schon längst ausgepresst haben.
    Sebaldus: Wenn sie keinen Saft in sich hat, so könnte sie doch vielleicht
noch Öl enthalten. Glauben Sie nicht, es würde dem menschlichen Geschlechte
wichtig sein, wenn ich zeigte, dass alles, was man bisher über dies seit vielen
Jahrhunderten vielen Menschen so wichtig scheinende Buch geschrieben hat,
alberne Fratzen sind, voller Unsinn, auf Kosten des gesunden Menschenverstandes,
der Religion und der Geschichte gesagt? Wäre es nicht ein Verdienst, soviel
Lügen um ihr Ansehen zu bringen, wenn ich auch nur wenig Wahrheit an die Stelle
setzen könnte? Und gleichwohl, ohne ruhmredig zu sein, versichere ich, die
erfüllten historischen Weissagungen aus der Geschichte anzuzeigen und von
einigen wenigen noch unerfüllten solche Mutmaßungen an die Hand zu geben, die
selbst Königen und Fürsten nicht gleichgültig sein dürften. Dennoch schätze ich
diese meine historische Entdeckungen sehr gering gegen diejenigen, die etwas
beitragen können, den moralischen Zustand des Menschen zu verbessern. Wie, wenn
ich nun aus diesem Buche von dem künftigen Zustande der Auserwählten die
sichersten Schlüsse ziehen, wenn ich - hier funkelten dem ehrlichen Sebaldus die
Augen - aus demselben die Lehre, die Sie wie ich verabscheuen, die Ewigkeit der
Höllenstrafen, gänzlich widerlegen und deutlich zeigen könnte, wie in Gottes
Haushaltung alle Bestrafung auf Besserung abzielen muss und wird - könnte dies
dem menschlichen Geschlechte gleichgültig sein?
    Magister: Mein Freund, Sie haben wirklich eine gute Anlage zum
Schriftsteller. Sie kommen in Feuer, wenn Sie von Ihrem Buche reden. Doch es
scheint mir, indem Sie beweisen wollen, dass die Ruhmsucht nicht der
Bewegungsgrund Ihres Schreibens ist, so rühmen Sie sich so sehr, als man sich
rühmen kann.
    Sebaldus: Den Ruhm, der aus einer wohlgelungenen Ausführung eines nützlichen
Unternehmens entspringt, verachte ich gar nicht. Er ist jedem rechtschaffenen
