-Gebal ergetzte sich nicht wenig
an dem Gedanken, seine Regierung durch eine so sinnreiche und nützliche
Erfindung verherrlicht zu sehen. Nach einer kleinen Weile fuhr Danischmend, auf
Befehl des Sultans, in seiner Erzählung fort.
    »Aus Mangel des politischen Lastenmessers, welcher das Glück gehabt hat den
Beifall Ihrer Hoheit zu erhalten, lässt sich dermalen nicht genau bestimmen, wie
lange Scheschian unter Isfandiars Regierung noch hätte schmachten können, wofern
dieser unweise Fürst durch einen Schritt, der in den damaligen Umständen des
Reichs durch nichts gerechtfertiget werden konnte, die fatale Stunde nicht
selbst herbei gerufen hätte.
    Ihre Hoheit erinnern Sich ohne Zweifel noch der Blauen und Feuerfarbnen, die
unter der Regierung Azors so gefährliche Unruhen in Scheschian angezündet
hatten. Isfandiar, der sich bei seiner Tronbesteigung das Gesetz gemacht zu
haben schien, alles zu hassen was sein Vater geliebt hatte, nahm einige Jahre
lang die Feuerfarbnen aus keinem andern Grund in seinen besonderen Schutz, als
weil unter der vorigen Regierung die Blauen die Oberhand gehabt hatten. Damit ja
niemand an dem Beweggrunde seines Betragens zweifeln könnte, spottete er
öffentlich und ohne Zurückhaltung über den Glauben der einen und der andern.
Eblis hatte ihn angewöhnt, die Religion überhaupt in einem falschen Lichte zu
betrachten. Nichts konnte kürzer sein als die Metaphysik dieses Günstlings war. 
Notwendigkeit und Ungefähr, sagte er, haben sich in die Regierung der Welt
geteilt. Der Mensch schwimmt wie ein Sonnenstaub im Unermesslichen; sein Dasein
ist ein Augenblick; dieser Augenblick ist alles was er sein nennen kann, und
sich diesen Augenblick zu Nutze zu machen, ist alles was er zu tun hat. - Auf
solche Trugschlüsse hatte er die ruchlose Sittenlehre und die tyrannische
Staatskunst gebaut, wovon der Untergang seines Vaterlandes die Folge war. Die
Religion, sagte man öffentlich an Isfandiars Hofe, ist eine nützliche Erfindung
der ältesten Gesetzgeber, um unbändige Völker an ein ungewohntes Joch
anzugewöhnen. Sie ist ein Zaum für das Volk; die Beherrscher desselben müssen
den Zügel in ihrer Hand haben: aber den Zaum sich selbst anlegen zu lassen, wäre
lächerlich.
    Wenn diese Sätze auch in gewisser Masse auf das, was man Staatsreligion
nennt, anwendbar wären, so konnte doch nichts unbesonnener sein, als sie laut
genug zu sagen, um von jedermann gehört zu werden. Wiewohl Eblis die Religion
nur für ein politisches Mittel gegen die Unbändigkeit des Pöbels hielt, so hätte
er doch einsehen sollen, dass die gute Wirkung dieses Mittels lediglich von dem
Glauben an seine Kraft abhängt; so wie die Amulette, womit die Braminen und
Bonzen ihre Anhänger in Ostindien und Sina zu beschenken pflegen, nur durch die
hartnäckige Zuversicht zu ihren geheimnisvollen Kräften einige Wirkung tun
können. Dem Volk öffentlich sagen dass man es nur betrüge, und erwarten dass es
