 Ständen nicht nur
seine eigene, sondern die allgemeine Sicherheit und den öffentlichen Wohlstand
untergräbt, wenn er die Rechte des andern zu schwächen oder seinen besonderen
Nutzen auf Kosten des andern zu vergrößern sucht.
    Die Scheschianer waren in diesem Stücke nicht vorsichtiger gewesen als viele
andre Völker. Der Hof hatte sich ihre Torheit zu Nutze gemacht, weil das
Interesse der Höflinge ist, die Autorität eines Herrn, der durch ihre Einflüsse
regiert wird und in dessen Gewalt sie sich teilen, so unumschränkt zu machen als
sie können. Sie überredeten die Könige - und nichts kostet weniger Mühe als
diese Überredung -, dass ein Fürst an Ansehen und Macht gewinne, was sein Adel
und sein Volk an Freiheit und Reichtum verliere; und die guten Könige dachten
gewiss an nichts weniger, als an die unfehlbare Folge der politischen Operation,
wozu sie sich so leicht bereden ließ. Die Erfahrung musste sie belehren, dass
ein Despot, dessen Adel aus Höflingen und dessen Volk aus Bettlern besteht, -
ein Despot, dessen Städte ohne Einwohner sind, und dessen Ländereien brachliegen
und verwildern; ein Despot, der anstatt über zwanzig Millionen glücklicher
Menschen, über halb so viel träge, missvergnügte und mutlose Sklaven zu gebieten
hat; - dass dieser Despot ein viel kleinerer Herr sei, als ein eingeschränkter
Fürst, der nicht spitzfündig genug ist, einen Unterschied zwischen seinem Nutzen
und dem Nutzen seiner Untertanen zu machen, sondern einfältiglich der Stimme
seines Menschenverstandes glaubt, die ihn versichert, dass es besser sei, der
geliebte Vater von den Bewohnern eines kleinen Landes, als der gefürchtete
Tyrann einer ungeheueren Einöde zu sein, in welcher hier und da noch
hervorragende Trümmer das Zeugnis ablegen, dass einst Menschen da gewohnt haben,
welche bessere Zeiten sahen als die seinigen.
    Die Erfahrung musste die Könige von Scheschian von dieser großen Wahrheit,
dem Grundpfeiler aller wahren Staatskunst, unterrichten; aber, wie Isfandiar
vielleicht anfing sie gewahr zu werden - war es zu spät.
    Unter der Regierung des schwachen Azor war der größte Teil des Adels durch
den übermäßigen Aufwand, wozu er von dem Beispiele des Hofes verleitet und
gewisser Massen genötigt wurde, in sehr kurzer Zeit dahin gebracht worden, in
den niedrigsten Hofkünsten die Mittel zu suchen, diesen Aufwand auf andrer Leute
Unkosten fortzusetzen. Unter Isfandiarn wurde das Werk der vorher gehenden
Regierungen und der eigenen Torheit der Edelen vollendet. Übermässige Ungleichheit
ist die verderbliche Pest eines Staats, sagte Eblis. Und so musste eine sehr
wichtige, aber in den Händen eines verächtlichen Werkzeuges der Tyrannei sehr
übel versorgte Wahrheit zum Vorwande dienen, den Adel zum Volk und beide zu
Sklaven herab zu würdigen. Vor dem blendenden Glanze des Trones verschwand
aller Unterschied. Isfandiar sah den edelsten Emir des Reichs und den
niedrigsten Tagelöhner gleich weit unter sich
