 dessen allgemeine Gefälligkeit mir die Überbleibsel von einer Zeit
zu sein schienen, wo sie die Freundschaft aller Arten von Leuten für nötig
halten mochte. Denn ich sehe schlechterdings diesen Beweggrund allein für fähig
an, jene Wirkung in einem edelen Herzen zu machen. Die niederträchtige Begierde,
sich allen ohne Unterschied beliebt zu machen, kann ich ihr unmöglich
zuschreiben. Sie unterredete sich lange mit mir und sagte viel Gutes von meinem
geliebten Papa, den sie als Hauptmann und Obersten gekannt hatte. Sie nennete
mich die würdige Tochter des rechtschaffenen Mannes und sagte, sie wolle mich
öfters holen lassen. Sie glauben nun gewiss, meine Emilia, dass ich diese Fürstin
um so mehr liebe, weil das Andenken meines Vaters von ihr geehrt wird.
    Mehrere Charakter kann ich Ihnen nicht bezeichnen. Die meisten sehen
einander ähnlich, insofern man sie in dem Vorzimmer der Fürstin oder bei
gewöhnlichen Besuchen sieht.
    Gestern wurde ich im Schreiben unterbrochen, weil Assemblee (wie sie es
nennen) bei der Prinzessin angesagt wurde. Da musste ich die Zeit, welche mein
Herz der Freundschaft gewidmet hatte, vor dem Putztisch verschwenden.
    Glauben Sie wohl, dass meine liebe Rosine ebenso ungeschickt ist, eine
metodische Kammerjungfer zu sein, als ich es bin, meinen Damenstand durch die
lange Verweilung am Putztisch und durch unschlüssige ekle Wahl meiner Kleidung
und Schmucks zu beweisen? - Meine Tante sucht diesen Fehlern abzuhelfen, und ich
muss alle Tage neben dem Friseur eine ihrer Jungfern um mich haben, welche beide
durch ihr geziertes Wesen und die vielen Umstände, die sie machen, meine Geduld
in einer mir sehr unangenehmen Übung erhalten. Doch diesmal war ich am Ende wohl
zufrieden, weil ich wirklich artig gekleidet war.
    Dies ist eine Freude, die Sie noch nicht an mir kannten; Sie sollen auch die
Ursache dazu nicht lange suchen; ich will sie aufrichtig sagen, da sie mir
bedeutend scheint. Ich war nur deswegen über meinen wohlgeratnen Putz froh, weil
ich von zween Engländern gesehen wurde, deren Beifall ich mir in allem zu
erlangen wünschte. Der eine war Mylord G., englischer Gesandter, und der andere
Lord Seimour, sein Neffe, Gesandtschafts-Kavalier, der sich unter der Anführung
seines Oheims zu dieser Art von Geschäften geschickt machen und die deutschen
Höfe kennenlernen will.
    Der Gesandte macht mit seiner Figur, einer edelen und geistvollen Physionomie
und einer gewissen Würde, die seine Höflichkeit begleitet, seinem Charakter
Ehre. Ich hörte ihn auch allgemein loben.
    Den jungen Lord Seimour sah ich eine halbe Stunde in Gesellschaft des
Fräuleins C**, mit der ich in Unterredung war, und mit welcher er als ein
zärtlicher und hochachtungsvoller Freund umgeht. Sie stellte mich ihm als ihre
neue, aber liebste Freundin dar, von der sie unzertrennlich
