 Nach dieser
Kenntnis teilte ich meine Aufmerksamkeit und meine Zeit ab. Mein Ehrgeiz trieb
mich, alles, was ich zu tun schuldig war, ohne Aufschub und auf das
Vollkommenste zu verrichten. War es geschehen, so dachte ich auch an die
Vergnügungen, die meiner Gemütsart die gemässesten waren. Gleiche Überlegungen
habe ich über meine itzigen Umstände gemacht; und da finde ich mich mit
vierfachen Pflichten beladen. Die erste gegen meine liebenswürdige Gemahlin,
welche mir leicht ist, weil immer mein ganzes Herz zu ihrer Ausübung bereit sein
wird. - Die zwote gegen Ihre Familie und den übrigen Adel, denen ich, ohne
jemals schmeichlerisch und unterwürfig zu sein, durch alle meine Handlungen den
Beweis zu geben suchen werde, dass ich der Hand von Sophien P. und der Aufnahme
in die freiherrliche Klasse nicht unwürdig war. Die dritte Pflicht geht die
Personen von demjenigen Stande an, aus welchem ich herausgezogen bin. Diese will
ich niemals zu denken veranlassen, dass ich meinen Ursprung vergessen habe. Sie
sollen weder Stolz noch niederträchtige Demut bei mir sehen. Viertens treten die
Pflichten gegen meine Untergebene ein, für deren Bestes ich auf alle Weise
sorgen werde, um ihrem Herzen die Unterwürfigkeit, in welche sie das Schicksal
gesetzt hat, nicht nur erträglich, sondern angenehm zu machen, und mich so zu
bezeugen, dass sie mir den Unterschied, welchen zeitliches Glück zwischen mir und
ihnen gemacht hat, gerne gönnen sollen.
    Der rechtschaffene Pfarrer in P. will mir einen wackeren jungen Mann zum
Seelsorger in meinem Kirchspiele schaffen, mit welchem ich gar gerne einen schon
lang gemachten Wunsch für einige Abänderungen in der gewöhnlichen Art, das Volk
zu unterrichten, veranstalten möchte. Ich habe mich gründlich von der Güte und
dem Nutzen der großen Wahrheiten unsrer Religion überzeugt; aber die wenige
Wirkung, die ihr Vortrag auf die Herzen der größten Anzahl der Zuhörer macht,
gab mir eher einen Zweifel in die Lehrart als den Gedanken ein, dass das
menschliche Herz durchaus so sehr zum Bösen geneigt sei, als manche glauben. Wie
oft kam ich von Anhörung der Kanzelrede eines berühmten Mannes zurück, und wenn
ich dem moralischen Nutzen nachdachte, den ich daraus gezogen, und dem, welchen
der gemeine Mann darin gefunden haben könnte, so fand ich in Wahrheit viel
Leeres für den letztern dabei; und derjenige Teil, welchen der Prediger dem
Ruhme der Gelehrsamkeit oder dem ausführlichen, aber nicht allzuverständlichen
Vortrag mancher spekulativer Sätze gewidmet hatte, war für die Besserung der
meisten verloren, und das gewiss nicht aus bösem Willen der letztern.
    Denn wenn ich, der von Jugend auf meine Verstandskräfte geübt hatte und mit
abstrakten Ideen bekannt war, Mühe hatte, nützliche Anwendungen davon zu machen;
wie sollte der Handwerksmann und seine Kinder damit zurechte
