 welchem
man ehmals versicherte, dass er in dem glühenden Ochsen des Phalaris zum
wenigsten so glücklich sei, als ein Morgenländischer Bassa in den weichen Armen
einer jungen Circasserin. Da sich aber in dem Lauf dieser Geschichte verschiedene
Proben einer nicht geringen Ungleichheit unsers Helden mit dem Weisen des Seneca
zeigen werden, so halten wir für wahrscheinlicher, dass seine Seele von der Art
derjenigen gewesen sei, welche dem Vergnügen immer offen stehen, und bei denen
eine einzige angenehme Empfindung hinlänglich ist, sie alles vergangenen und
künftigen Kummers vergessen zu machen. Eine Öffnung des Waldes zwischen zween
Bergen zeigte ihm von fern die untergehende Sonne. Es brauchte nichts mehr als
diesen Anblick, um die Empfindung seiner widrigen Umstände zu unterbrechen. Er
überließ sich der Begeisterung, worin dieses majestätische Schauspiel
empfindliche Seelen zu setzen pflegt, ohne eine lange Zeit sich seiner
dringendsten Bedürfnisse zu erinnern. Endlich weckte ihn doch das Rauschen einer
Quelle, die nicht weit von ihm aus einem Felsen hervor sprudelte, aus dem
angenehmen Staunen, worin er etliche Minuten sich selbst vergessen hatte; er
stand auf, und schöpfte mit der hohlen Hand von diesem Wasser, dessen fließenden
Cristall, seiner Einbildung nach, eine wohltätige Nymphe seinen Durst zu
stillen, aus ihrem Marmorkrug entgegen goss; und anstatt die von Cyprischem Wein
sprudelnde Becher der Atenischen Gastmähler zu vermissen, deuchte ihm, dass er
niemals angenehmer getrunken habe. Er legte sich hierauf wieder nieder,
entschlief unter dem sanftbetäubenden Gemurmel der Quelle, und träumte, dass er
seine geliebte Psyche wieder gefunden habe, deren Verlust das einzige war, was
ihm von Zeit zu Zeit einige Seufzer auspresste.
 
                                Zweites Kapitel
                            Etwas ganz Unerwartetes
Wenn es seine Richtigkeit hat, dass alle Dinge in der Welt in der genauesten
Beziehung auf einander stehen, so ist nicht minder gewiss, dass diese Verbindung
unter einzelnen Dingen oft ganz unmerklich ist; und daher scheint es zu kommen,
dass die Geschichte zuweilen viel seltsamere Begebenheiten erzählt, als ein
Romanen-Schreiber zu dichten wagen dürfte. Dasjenige, was unserm Helden in
dieser Nacht begegnete, gibt mir neue Bekräftigung dieser Beobachtung ab. Er
genoss noch der Süßigkeit des Schlafs, den Homer für ein so großes Gut hält, dass
er ihn auch den Unsterblichen zueignet; als er durch ein lermendes Getöse
plötzlich aufgeschreckt wurde. Er horchte gegen die Seite, woher es zu kommen
schiene, und glaubte, in dem vermischten Getümmel ein seltsames Heulen und
Jauchzen zu unterscheiden, welches von den entgegenstehenden Felsen auf eine
fürchterliche Art widerhallte. Agaton, der nur im Schlaf erschreckt werden
konnte, beschloss diesem Getöse mit eben dem Mut entgegen zu gehen, womit in
späteren Zeiten der unbezwingbare Ritter von Mancha dem nächtlichen Klappern der
Walkmühlen Trotz bot. Er bestieg also den oberen Teil des Berges mit
