 anders recht kenne, Kallias so hat dich die Natur mit den
Fähigkeiten es zu sein so reichlich begabt, als mit den Vorzügen, deren kluger
Gebrauch uns die Gunstbezeugungen des Glücks zu verschaffen pflegt. Dem
ungeachtet bist du weder glücklich, noch hast du die Mine es jemals zu werden,
so lange du nicht gelernt haben wirst, von beiden einen andern Gebrauch zu
machen als du bisher getan hast. Du wendest die Stärke deiner Seele an, dein
Herz gegen das wahre Vergnügen unempfindlich zu machen, und beschäftigest deine
Empfindlichkeit mit unwesentlichen Gegenständen, die du nur in der Einbildung
siehst, und nur im Traume geniessest; die Vergnügungen, welche die Natur dem
Menschen zugeteilt hat, sind für dich Schmerzen, weil du dir Gewalt antun musst
sie zu entbehren; und du setzest dich allen Übeln aus, die sie uns vermeiden
lehrt, indem du anstatt einer nützlichen Geschäftigkeit dein Leben mit den süßen
Einbildungen wegträumest, womit du dir die Beraubung des würklichen Vergnügens
zu ersetzen suchst. Dein Übel, mein lieber Kallias, entspringt von einer
Einbildungskraft, die dir ihre Geschöpfe in einem überirdischen Glanze zeigt,
der dein Herz verblendet, und ein falsches Licht über das was wirklich ist
ausbreitet; einer dichterischen Einbildungskraft, die sich beschäftigt schönere
Schönheiten, und angenehmere Vergnügungen zu erfinden als die Natur hat; einer
Einbildungskraft, ohne welche weder Homere, noch Alcamene, noch Polygnote wären;
welche gemacht ist unsre Ergötzungen zu verschönern, aber nicht die Führerin
unsers Lebens zu sein. Um weise zu sein, hast du nichts nötig als die gesunde
Vernunft an die Stelle dieser begeisterten Zauberin, und die kalte Überlegung an
den Platz eines sehr oft betrüglichen Gefühls zu setzen. Bilde dir auf etliche
Augenblick' ein, dass du den Weg zur Glückseligkeit erst suchen müssest; frage
die Natur, höre ihre Antwort, und folge dem Pfade, den sie dir vorzeichnen wird.
 
                                Zweites Kapitel
                      Theorie der angenehmen Empfindungen
Und wen anders als die Natur können wir fragen, um zu wissen wie wir leben
sollen, um wohl zu leben? »Die Götter?« Wenn eine Gottheit ist, so ist sie
entweder die Natur selbst, oder die Urheberin der Natur; in beiden Fällen ist
die Stimme der Natur die Stimme der Gottheit. Sie ist die allgemeine Lehrerin
aller Wesen; sie lehrt jedes Tier vom Elephanten bis zum Insect, was seiner
besonderen Verfassung gut oder schädlich ist. Um so glücklich zu sein als es
diese innerliche Einrichtung erlaubt, braucht das Tier nichts weiter, als dieser
Stimme der Natur zu folgen, welche bald durch den süßen Zug des Vergnügens, bald
durch das ungedultige Fodern des Bedürfnisses, bald durch das ängstliche Pochen
des Schmerzens es zu demjenigen locker, was ihm zuträglich ist, oder es zur
Erhaltung
