 sobald wir in unsrer Meinung von uns selbst fallen, sinkt
durch eine innerliche Gewalt über welche wir nicht Meister sind, unsre Meinung
von der ganzen Gattung zu welcher wir gehören; wir verwundern uns, dass wir nicht
eher wahrgenommen, dass die Torheiten, die Laster derjenigen, unter denen wir
leben, Gebrechen der Natur selbst sind, denen (mehr oder weniger, auf diese oder
eine andre Art, je nachdem Zeit, Umstände, Temperament und Gewohnheit es mit
sich bringen) ein jeder unterworfen ist; je genauer wir die Menschen
untersuchen, je mehr Gründe finden wir, so zu denken; und diese Denkungsart
flösset uns, zu eben der Zeit, da sie uns eine gewisse Geringschätzung gegen die
ganze Gattung gibt, mehr Nachsicht gegen die Fehler und Gebrechen der einzelnen
Personen, und besonderen Gesellschaften, mit denen wir in Verhältnis stehen, ein;
so dass wir das, was wir an jenem tugendhaften Schwulst, welchen die Einfalt
übereilter Weise für die Tugend selbst hält, verlieren, zu eben der Zeit an den
notwendigsten und liebenswürdigsten Tugenden, an Geselligkeit und Mäßigung
gewinnen: Tugenden, welche zwar nichts blendendes haben, aber desto mehr Wärme
gehen, und uns desto geschickter machen, unter Geschöpfen zu leben, welche ihrer
alle Augenblicke benötiget sind.
    Es ist ein gemeiner und oft getadelter Fehler des menschlichen Geschlechts,
dass sie das Wunderbare mehr lieben als das Natürliche, und das Glänzende mehr
als was nicht so gut in die Augen fällt, wenn es gleich brauchbarer und
dauerhafter ist. Diese Art von dem Werte der Sachen zu urteilen ist nirgends
betrüglicher, als wenn sie auf moralische Gegenstände angewendet wird. Der
Schluss, den man öfters von der Erhabenheit der Begriffe und Empfindungen einer
Person, und von der Fertigkeit eine gewisse Sprache der Begeisterung zu reden,
welche (wie die homerische Göttersprache) allen Dingen andre Namen gibt, ohne
dass die Dinge selbst darum etwas anders sind, als sie unter ihren gewöhnlichen
Namen sind, auf eine außerordentliche Vortrefflichkeit des Characters dieser
Person zu machen pflegt, ist eben so falsch, als das Vorurteil, welches viele
gegen eine gelassene und bescheidene Tugend gefasst haben, welche, ohne sich
durch feirliches Gepränge, hochfliegende Ideen, anmassliche Privilegien von den
Gebrechen der menschlichen Natur, und unerbittliche Strenge gegen dieselben
anzukündigen, nur darum weniger zu versprechen scheint, um im Werke selbst desto
mehr zu leisten. Dieses vorausgesetzt könnten wir vielleicht mit gutem Grunde
behaupten, dass die Tugend unsers Helden, durch die neuerliche Veränderung, die
in seiner Denkensart vorging, in verschiedenen Betrachtungen, große Vorteile
erhalten habe. Aber (wir wollen es nur gestehen) was sie dabei auf einer Seite
gewann, verlor sie auf einer andern wieder. Die Begriffe, welche wir uns von
unsrer eignen
