 popularen Sinn dieses Wortes, einen stärkeren
Hang als zu irgend einer andern natürlichen Leidenschaft haben. Die andere: dass
Socrates, in der Stelle, deren in dem vorigen Kapitel erwähnt worden, die
schädlichen Folgen der Liebe, in so ferne sie eine heftige Leidenschaft für
irgend einen einzelnen Gegenstand ist; (denn von dieser Art von Liebe ist hier
allein die Rede) nicht höher getrieben habe, als die tägliche Erfahrung
beweiset. Du Unglückseliger! (sagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht
begreifen konnte, dass es eine so gefährliche Sache sei, einen schönen Knaben,
oder nach unsern Sitten zu sprechen, ein schönes Mädchen zu küssen; und
leichtsinnig genug war zu gestehen, dass er sich alle Augenblicke getraute,
dieses halsbrechende Abenteuer zu unternehmen) was meinst du dass die Folgen
eines solchen Kusses sein würden? Glaubst du, du würdest deine Freiheit
behalten, oder nicht vielmehr ein Sklave dessen werden, was du liebest? Wirst du
nicht vielen Aufwand auf schädliche Wollüste machen? Meinst du, es werde dir
viel Musse übrig bleiben, dich um irgend etwas großes und Nützliches zu
bekümmern, oder du werdest nicht vielmehr gezwungen sein, deine Zeit auf
Beschäftigungen zu wenden, deren sich so gar ein Unsinniger schämen würde? - -
Man kann die Folgen dieser Art von Liebe, in so wenigen Worten nicht
vollständiger beschreiben - - Was hälf' es uns, meine Freunde, wenn wir uns
selbst betrügen wollten? Selbst die unschuldigste Liebe, selbst diejenige,
welche in jungen entusiastischen Seelen so schön mit der Tugend zusammen
zustimmen scheint, führt ein schleichendes Gift bei sich, dessen Wirkungen nur
desto gefährlicher sind, weil es langsam und durch unmerkliche Grade würkt - -
Was ist also zu tun? - - Der Rat des alten Kato, oder der, welchen Lucrez nach
den Grundsätzen seiner Secte gibt, ist, seinen Folgen nach, noch schlimmer als
das Übel selbst. So gar die Grundsätze und das eigne Beispiel des weisen
Socrates sind in diesem Stücke nur unter gewissen Umständen tunlich - - und
(wenn wir nach unsrer Überzeugung reden sollen) wir wünschten, aus wahrer
Wohlmeinenheit gegen das allgemeine System, nichts weniger als dass es jemals
einem Socrates gelingen möchte, den Amor völlig zu entgöttern, seiner Schwingen
und seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine bloße regelmäßige Stillung
eines physischen Bedürfnisses zu machen. Der Dienst, welcher der Welt dadurch
geleistet würde, müsste notwendig einen Teil der schlimmen Wirkung tun, welche
auf eine allgemeine Unterdrückung der Leidenschaften in der menschlichen
Gesellschaft erfolgen müsste.
    Hier ist also unser Rat - - die Tartüffen, und die armen Köpfe, welche die
Welt bereden wollen, die Excremente ihres milzsüchtigen Gehirns für Reliquien zu
küssen, mögen ihre Köpfe schütteln so
