 unsers Helden, in keiner Art
von Einkleidung, Wendung oder Licht gefallen konnten: über diese hatte sie
klüglich beschlossen, sie mit gänzlichem Stillschweigen zu bedecken; und daher
kam es dann, dass unser Held noch immer in der Meinung stund, er selbst sei der
erste gewesen, welchem sie sich durch Gunst-Bezeugungen von derjenigen Art,
womit er von ihr überhäuft worden war, verbindlich gemacht hätte. Ein Irrtum,
der nach seiner spitzfündigen Denkens-Art zu seinem Glücke so notwendig war, dass
ohne denselben alle Vollkommenheiten seiner Dame zu schwach gewesen wären, ihn
nur einen Augenblick in ihren Fesseln zu behalten. Ihm diesen Irrtum zu
benehmen, war der schlimmste Streich, den man seiner Liebe und der schönen Danae
spielen konnte; und dieses zu tun, war das Mittel, wodurch der Sophist an beiden
auf einmal eine Rache zu nehmen hoffte, deren bloße Vorstellung sein boshaftes
Herz in Erzückung setzte. Er laurte dazu nur auf eine bequeme Gelegenheit, und
diese pflegt zu einem bösen Vorhaben selten zu entgehen.
    Ob dieses letztere der Geschäftigkeit irgend eines bösen Dämons zu
zuschreiben sei, oder ob es daher komme, dass die Bosheit ihrer Natur nach eine
lebhaftere Würksamkeit hervorbringt als die Güte; ist eine Frage, welche wir
andern zu untersuchen überlassen. Es sei das eine oder das andere, so würde eine
ganz natürliche Folge dieser fast alltäglichen Erfahrungs-Wahrheit sein, dass das
Böse in einer immer wachsenden Progression zunehmen, und, wenigstens in dieser
sublunarischen Welt, das Gute zuletzt gänzlich verschlingen würde; wenn nicht
aus einer eben so gemeinen Erfahrung richtig wäre, dass die Bemühungen der Bösen,
so glücklich sie auch in der Ausführung sein mögen, doch gemeiniglich ihren
eigentlichen Zweck verfehlen, und das Gute durch eben die Maßregeln und Ränke,
wodurch es hätte gehindert werden sollen, weit besser befördern, als wenn sie
sich ganz gleichgültig dabei verhalten hätten.
 
                                Zweites Kapitel
                             Verräterei des Hippias
Unter andern Eigenschaften, welche den Charakter der Danae schätzbar machten,
war auch diese, dass sie eine vortreffliche Freundin war. So gleichgültig sie,
bis auf die Zeit da sich Agaton ihres Herzens bemeisterte, gegen den Vorwurf
der Unbeständigkeit in der Liebe auch immer gewesen war: so zuverlässig und
standhaft war sie jederzeit in der Freundschaft gewesen. Sie liebte ihre Freunde
mit einer Zärtlichkeit, welche von Leuten, die bloß nach dem äußerlichen
Ausdruck urteilen, leicht einem eigennützige Affect beigemessen werden konnte;
denn diese Zärtlichkeit stieg bis zum würksamsten Grade der Leidenschaft, sobald
es darauf ankam, einem unglücklichen Freunde Dienste zu leisten. Es war kein
Vergnügen, welches sie nicht in einem solchen Falle den Pflichten der
Freundschaft auf geopfert hätte.
    Eine Veranlassung von dieser Art (wovon die Umstände mit unsrer Geschichte
in keiner Beziehung stehen)
