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unvermerkt eine Gemütsbildung bekommen muss, welche ihn von den gowöhnlichen
Menschen unterscheidet. Außer der besonderen Heiligkeit, welche ein uraltes
Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pytischen Gottes der ganzen
delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den Bezirken des Tempels selbst
kein Platz, der nicht von irgend einem ehrwürdigen oder glänzenden Gegenstand
erfüllt, oder durch das Andenken irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun
der Anblick so vieler wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen
gewöhnt wurden: So war die Erzählung wunderbarer Begebenheiten die erste
mündliche Unterweisung, die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von
Unterricht, den ich nötig hatte, weil es ein Teil meines Berufs sein sollte, den
Fremden, von welchen der Tempel immer angefüllt war, die Gemälde, die
Schnitzwerke und Bilder, und den unsäglichen Reichtum von Geschenken, wovon die
Hallen und Gewölbe desselben schimmerten, zu erklären.
    Für ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick eines
von so vielen Königen, Städten und reichen Particularen in ganzen Jahrhunderten
zusammengehäuften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen, Elfenbein und
andern Kostbarkeiten: Für mich, der dieses Anblicks gewohnt war, hatte die
bescheidne Bildsäule eines Solon mehr Reiz, als alle diese schimmernde Tropheen
einer abergläubischen Andacht, welche ich gar bald mit eben der verachtenden
Gleichgültigkeit ansah, womit ein Knabe die Puppen und Spielwerke seiner
Kindheit anzusehen pflegt. Noch unfähig, von den Verdiensten und dem wahren Wert
der vergötterten Helden mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor
ihren Bildern, und fühlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen
Empfindungen ihrer Größe und mit einer Bewunderung erfüllt, wovon ich keine andre
Ursache als mein innres Gefühl hätte angeben können. Einen noch stärkeren
Eindruck machte auf mich die große Menge von Bildern der verschiedenen
Gotteiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Kräfte der Natur, die
manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die Tugenden des
geselligen Lebens personificiert haben, und wovon ich im Tempel und in den
Hainen von Delphi mich allenthalben umgehen fand. Meine damalige Erfahrung,
schöne Danae, hat mich seitdem oftmals auf die Betrachtung geleitet, wie groß
der Beitrag sei, welchen die schönen Künste zu Bildung des sittlichen Menschen
tun können; und wie weislich die Priester der Griechen gehandelt, da sie die
Musen und Grazien, deren Lieblinge ihnen so große Dienste getan, selbst unter
die Zahl der Gotteiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so
fern sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheint
von der Stärke der Eindrücke abzuhangen, die wir in denjenigen Jahren empfangen,
worin wir noch unfähig sind, Untersuchungen anzustellen. Würden unsre Seelen in
Absicht der Götter und ihres Dienstes von der Kindheit an leere Tafeln gelassen,
und anstatt der unsicheren und
