 gehabt - er dachte dies so lebhaft, als wären sie
tot und er müsste sich auf sie legen, sie mit seinem Leib erwärmen. - Nun hätten
sie ihn auf eine kostspielige Reise in fremdes Land ausgeschickt - wozu? um
fremde Menschen kennenzulernen, fremde Landesgebräuche zu beobachten, um sich in
den Manieren zu vervollkommnen. Dies alles aber sind nur Mittel und abermals
Mittel zum Zweck. Wie viel besser stünde es, wenn sich dieser höchste Zweck
selber, der nichts anderes sei als das Glück des Lebens, mit einem raschen
Schritt für immer erreichen lasse. Nun habe er ja durch Gottes plötzliche Fügung
das Mädchen gefunden, die Lebensgefährtin, die sein Glück verbürge. Von jetzt an
gebe es für ihn nur ein Trachten: an der Seite dieser durch die eigene
Zufriedenheit auch die Eltern zufriedenzustellen.
    Der Brief, den er in Gedanken schrieb, war weit über dieser dürftigen
Inhaltsangabe, die beweglichsten Worte kamen ihm ungesucht, die schönen
Wendungen hingen sich kettenweise aneinander. Er redete von dem schönen Besitz
der Familie Finazzer und von ihrer altadeligen Abstammung, ohne Prahlerei, auf
eine Weise, die ihn selbst zufriedenstellte, nebenhin und doch mit Nachdruck.
Hätte er nur ein Tintenfass und eine Feder zur Hand gehabt, er wäre aus dem Bett
gesprungen, und der Brief wär in einem Schwung geschrieben. So aber fing die
Müdigkeit an, ihm die schöne Kette auseinanderzulösen, andere Vorstellungen
drängten sich dazwischen, und lauter widerwärtige und ängstliche.
    Es mochte Mitternacht vorüber sein. Er sank in einen wüsten Traum und aus
einem in den anderen. Alle Demütigungen, die er je im Leben erfahren hatte,
alles Peinliche und Ängstigende war zusammengekommen, durch alle schiefen und
queren Situationen seines Kindes- und Knabenlebens musste er wieder hindurch.
dabei floh Romana vor ihm, in seltsamen halb bäurischen, halb städtischen
Kleidern, blossfüssig unterm schwarz gefältelten Brokatrock, und es war in Wien in
der menschenbelebten Spiegelgasse, ganz nahe dem Haus seiner Eltern. Angstvoll
musste er ihr nach und musste doch dies Nacheilen wieder ängstlich verbergen. Sie
drängte sich durch die Menschen durch und wandte ihm ihr Gesicht zu, das hölzern
und verzogen war. Wie sie weiterhastete, waren ihr die Kleider unordentlich vom
Leibe gerissen. Auf einmal verschwand sie in einem Durchhaus, er ihr nach,
soweit es der linke Fuß erlaubte, der unendlich schwer war und sich immer wieder
in Spalten des Pflasters verfing. Nun war er endlich auch in dem Durchhaus, aber
er hatte langsam zu gehen, und hier blieb ihm keine schreckliche Begegnung
erspart. Ein Blick, den er als Knabe gefürchtet hatte wie keinen zweiten, der
Blick seines ersten Katecheten, schoss durch ihn hindurch, und die gefürchtete
kleine feiste Hand fasste ihn an. Das widerwärtige Gesicht eines Knaben
