), mit Metzger, Bäcker, Fuhrherrn und Ziegelbrenner zu
schwatzen und Cricca oder Trick-Track zu spielen.
    Er stritt sich mit ihnen um jeden Quattrino und man hörte ihr Geschrei die
Landstraße auf und ab eine halbe Meile.
    Abends, bei Einbruch der Dämmerung, stapfte er nach Hause, zog den
Bauernkittel aus, und im bloßen Hemd saß er an seinem Schreibtisch, las Dante
und Petrarca, Tibull und Ovid.
    Er las Ovids Ars amandi und seufzend gedachte er seiner eigenen früheren
Liebschaften.
    Das war vorbei.
    Er hatte eine Frau und vier Kinder, und nur hin und wieder trieb ihm der
günstige Wind in seinem Wäldchen eine Bauernfrau oder Magd ins Gehege.
    Wenn er des Ovid überdrüssig war, klappte er ihn zu und seine Schreibmappe
auf und setzte seine Studien fort »sul arte del stato«: »über die »Staatskunst«.
    Er konnte sein Bauernanwesen kaum verwalten, aber über Republiken und
Monarchien regierte souverän sein Geist:
    Der Geist eines klugen, scharfsichtigen, scharfsinnigen, unbestechlichen
Menschen: bestechlich nicht durch Gold und nicht durch Schmeichelei,
unbeeinflussbar durch Sympatien und Antipatien.
    Ihn bewegte die »Politik an sich«, ihre Metodologie. Und das Maß seiner
Massstäbe gab allein der Mensch, der Politik und Geschichte macht.
    Wie war das Wesen des niedrigen Menschen beschaffen? Er war dumm, feige,
selbstsüchtig, treulos -
    Wie war das Wesen des höheren Menschen beschaffen?
    Er war klug, tapfer, selbstisch und sich selbst treu. Seine Klugheit gebot,
die Dummheit der andern zu benutzen, seine Tapferkeit, ihre Freiheit zu
unterwerfen, seine Treue gegen sich selbst konnte als Treulosigkeit andern
gegenüber in Erscheinung treten. Töricht, wer Wortbrüchigen Wort hielt, dumm,
wer Klugen dumm kam, feige, wer vor Meuchelmord zurückschreckte - wenn die
andern ihm schon den Gifttrank bereitet und den Galgen errichtet hatten. Es kam
darauf an: der erste zu sein: bei einer Frau, bei der Politik.
    Früh zu Bett gehen - und früh aufstehen - wenn die andern erwachten, musste
die Hälfte des Tagwerks schon getan sein.
    Er hatte dann schon sieben Krammetsvögel gefangen - und Cesare Borgia sieben
verräterische Kondottieri.
    Die Florentiner wussten, was sie taten, als sie Macchiavelli zu Cesare Borgia
sandten. Es war nicht das erste Mal, dass der bäurische Kerl mit der Seele eines
Staatsmannes ihnen in wichtigen Missionen diente.
Im Palast Cesare Borgias fand jenes denkwürdige Gespräch zwischen Cesare und
Macchiavelli statt, das dem Florentiner die Anregung zu seinem Traktat über den
»Fürsten« geben sollte.
    Es war noch sehr früh am Tag. Dämmerung hing noch im Zimmer. Cesare hatte
Macchiavelli um sechs Uhr früh zur Audienz gebeten. Seit Monaten zeigte sich der
Borgia nicht mehr bei Tageslicht.
    Die
