; es hieße für ihn, seine eigene Existenz
untergraben, wenn er das täte, Gesetze grob verletzen, unter denen er ja noch zu
stehen glaubt, und selbst mir gegenüber spricht er nicht frei, abschmeicheln,
abküssen muss ich ihm seine Zweifel, und selbst dann wehrt er sich noch
zuzugeben, dass die Zweifel Zweifel sind. Er hat etwas von Amalia im Blut. Und
alles sagt er mir gewiss nicht, obwohl ich seine einzige Vertraute bin. Aber über
Klamm sprechen wir manchmal, ich habe Klamm noch nicht gesehen - du weißt,
Frieda liebt mich wenig und hätte mir den Anblick nie gegönnt -, aber natürlich
ist sein Aussehen im Dorf bekannt, einzelne haben ihn gesehen, alle von ihm
gehört, und es hat sich aus dem Augenschein, aus Gerüchten und auch manchen
fälschenden Nebenabsichten ein Bild Klamms ausgebildet, das wohl in den
Grundzügen stimmt. Aber nur in den Grundzügen. Sonst ist es veränderlich und
vielleicht nicht einmal so veränderlich wie Klamms wirkliches Aussehen. Er soll
ganz anders aussehen, wenn er ins Dorf kommt, und anders, wenn er es verlässt,
anders, ehe er Bier getrunken hat, anders nachher, anders im Wachen, anders im
Schlafen, anders allein, anders im Gespräch und, was hiernach verständlich ist,
fast grundverschieden oben im Schloss. Und es sind schon selbst innerhalb des
Dorfes ziemlich große Unterschiede, die berichtet werden, Unterschiede der
Größe, der Haltung, der Dicke, des Bartes, nur hinsichtlich des Kleides sind die
Berichte glücklicherweise einheitlich: Er trägt immer das gleiche Kleid, ein
schwarzes Jackettkleid mit langen Schössen. Nun gehen natürlich alle diese
Unterschiede auf keine Zauberei zurück, sondern sind sehr begreiflich, entstehen
durch die augenblickliche Stimmung, den Grad der Aufregung, die unzähligen
Abstufungen der Hoffnung oder Verzweiflung, in welcher sich der Zuschauer, der
überdies meist nur augenblickweise Klamm sehen darf, befindet. Ich erzähle dir
das alles wieder, so wie es mir Barnabas oft erklärt hat, und man kann sich im
allgemeinen, wenn man nicht persönlich unmittelbar an der Sache beteiligt ist,
damit beruhigen. Wir können es nicht, für Barnabas ist es eine Lebensfrage, ob
er wirklich mit Klamm spricht oder nicht.« - »Für mich nicht minder«, sagte K.,
und sie rückten noch näher zusammen auf der Ofenbank.
    Durch alle die ungünstigen Neuigkeiten Olgas war K. zwar betroffen, doch sah
er einen Ausgleich zum großen Teile darin, dass er hier Menschen fand, denen es,
wenigstens äußerlich, sehr ähnlich ging wie ihm selbst, denen er sich also
anschließen konnte, mit denen er sich in vielem verständigen konnte, nicht nur
in manchem, wie mit Frieda. Zwar verlor er allmählich die Hoffnung auf einen
