 unsichtbare
Schwiegertochter ärgerte ihn, und er hielt sie, falls sie wirklich existierte,
für etwas ganz Bedenkliches. Statt dessen interessierte er sich für Georg, der
hatte ihm gefallen, wie er gestern abend so begossen und selbstbewusst Schönlank
gegenüberstand. Zudem war er des Doktors Vetter, für den er eine starke
Sympatie hegte. Ihm imponierte die zielbewusste Tüchtigkeit, die unbeirrt ihren
Weg ging, und die er ohne weiteres für eine Burmannsche Familieneigenschaft
hielt, ebenso wie er die gegenteilige Veranlagung als unabänderliche Henningsche
Eigentümlichkeit erachtete.
    Während dieses Thema noch behandelt wurde, kam der Doktor zurück und hatte
wie schon manchmal sein ironisches Vergnügen daran, wenn der Baron Theorien
aufstellte. Josias erschien, um den Tisch abzuräumen, sie gingen in Burmanns
Arbeitszimmer hinüber, und er holte verschiedene Familienphotographien hervor,
auch von Georg und seinen Eltern und Geschwistern. Es war tatsächlich
auffallend, wie fast all diesen Gesichtern ein gewisser geschlossener klarer
Ausdruck eigen war. »Nur gerade Georg ist anders«, sagte Burmann.
    »Mag sein, dass ich ihn deshalb immer besonders gern hatte. Sehen Sie, rein
äußerlich guter Durchschnitt, aber unter der Durchschnittsmaske hat er eine
Anlage zum Fanatismus, was übrigens die Linien um den Mund auch erkennen
lassen.«
    »Hältst du das für ein Glück?« fragte Erasmus.
    »Glück? Nein, aber Glück ist ja auch nicht unbedingt das Wünschenswerteste.
Die Menschen mit bloßen Glücksanlagen haben es meist nicht einmal besonders gut
auf der Welt.«
    »Und die Fanatiker?«
    »Du musst das nur richtig verstehen, nicht im übertriebenen Sinn. Ich sprach
nur von einer Anlage und meine damit, dass jemand imstande ist, sich unbeirrt für
eine Sache einzusetzen, eine Idee, ein Werk, ein Ziel, was weiß ich ... das
ergibt sich natürlich erst im Lauf des Lebens.«
    »Einstweilen für Hedy«, sagte Erasmus. »Nun ja, auch das ist ihm blutig
ernst. Ich habe, wie du gehört hast, dem Mädel heute gründlich die Leviten
gelesen und werde es mit Georg ebenso machen, aber eigentlich nur, weil ich es
für richtiger halte, den überlegenen Älteren zu zeigen, anstatt sie wie ihr in
Verständnis und Mitgefühl einzuwickeln. Selbstverständlich kann man nicht
verlangen, dass er sich wie ein ausgereifter Mann benimmt. Aber sonst ... wir
behandeln die Geschichte immer wie einen Babyroman, den wir komisch und
liebenswürdig nehmen - im Grunde ist es doch wohl ein ganz ernstes Stück Leben,
das wir da mit ansehen.«
    Der alte Baron lauschte mit Interesse. Ihm war es etwas Ungewohntes, dass man
allem so auf den Grund ging, aber vielleicht - meinte er - lernt man dann über
manches anders denken, es war sonst
