 sein,
mich z'ernähre. Aber so Opfer derf i net ahnemme. Sei Sinn strebt nach freier
Geischteswelt - die Richtung derf mr ihm net störe. Jörgle soll seinen Weg gehen
- mi wird's Schicksal anders führe. So, Büble! Jetzt han i mei Herz
ausgschüttet. Der Heimatberg drübe hat mi derzu verlockt - ond deine
Schulschwänzerei, Dichterle! Du bischt, scheint's, gleichfalls e Träumlesjörg,
wo sich net füge will in die Welt da. Aber lass di verwarne, Büble, solang 's
noch Zeit. Schick' dich in die Welt!« - »Ach, Fräulein Rosel! Wenn ich's doch
nicht kann? Sie sprechen von Wasserscheide! Zwischen mir und den andern ist auch
ne Wasserscheide - ich bin anders - ich fühle mich - sagen wir, nach Süden
gezogen wie der eine Bach - andere gehen nach anderer Seite.«
    Sie stutzte. Blieb indessen mit Entschiedenheit dabei: »Schick' dich in die
Welt!« Und dann legte sie die Hand auf meine Schulter: »Jetzt hör aber, du!
Derfscht mir kein Streich spiele ond ausbabbele, was i dir gesagt han! Hand aufs
Herz ond abgemacht! Gelt du?«
    Wie sie so vor mir stand, wie ihr Auge strahlte von Liebe für ihren Jörgle -
zugleich von einem tiefen Geheimnis, von einem Verzichten, gütig und hoheitsvoll
- kam sie mir vor wie die Glasberg-Prinzessin, die heimliche Königstochter zu
Glastelfingen.
 
                            Vom abgerissenen Bändel
Dass sich der römische Machtaber Antonius mit der ägyptischen Königin Kleopatra
einließ, hat die Weltgeschichte erschüttert. Hätte er's nicht getan, ihr wär's
nicht gelungen, ihn gegen Cäsar aufzuputschen, und dann wäre die Völkerschlacht
zwischen Rom und dem griechischen Orient vermieden worden. Ein Bienenstich auf
der Nase der Fürstin, eine entstellende Geschwulst hätte wohl genügt, ihn vor
den Schlingen ihrer Liebespolitik zu bewahren. Jede Laune des Zufalls hat
unabsehbare Folgen.
    Solch eine Laune des Zufalls war's, als ich an einem freien Nachmittag zu
meiner Mutter sagte: »Nun möcht ich auch mal die Burg von Tübingen besichtigen.«
- »Lass dir aber erst das Bändel annähen.« Ein Gummibändchen war gemeint, das
meiner Schülermütze besseren Halt auf dem Kopfe gab. Ich war zu ungeduldig, die
Reparatur abzuwarten, und nun werden wir sehen, welche Schicksale sich hieraus
entspinnen.
    Zunächst bescherte mir der Gang zur Burg, dass ich sie in der Nähe betrachten
konnte. Hinter einem gemauerten Graben, über den die Zugbrücke führt, ist das
erste Burgtor. Die Steinmetzarbeit staunte ich an: Schnörkel und Fratzen - das
württembergische Wappen - - rechts und links steht ein Landsknecht in
Lebensgröße - der eine schwingt ein
