 Wiesen, wo lila Herbstzeitlosen blühen, Apfelbäume, ein Gartenhain
- ins Grenzenlose scheint er sich zu dehnen. So ähnlich mag der Garten Eden
gewesen sein! schwärmte ich als Kind. Und wenn man auf der Hochebene weitergeht,
findet man wohl das geheimnisvolle Dorf. Da gibt's ganze Felder duftender
Hyazinten, weiß und blau - ragende Edelkastanien und Weinlauben, an denen die
Trauben strotzen, wie's nur im Sonnenlande sein kann. Mein Kindheitstraum von
Glastelfingen, der in Dornröschenschlaf gesunken war, schlägt wieder die Augen
auf.
    Wir stehen beim Schnützelputzhäusel. Es sieht fast aus wie einst. Hat
freilich auch etwas Befremdendes. Verwittert lugt die Kalkwand aus vergilbter
Weinberankung. Schwarzbraun und rissig das Gebälk. Das Fenster mit grünem Laden
verschlossen. Die Windharfe auf der Dachspitze ist noch vorhanden - sie
schweigt.
    Und zum Trepple kommen wir, das auf der Rückseite zum Oberstüble führt. Der
Knabe hat den Schlüssel mitgebracht und schließt auf. Gleich nach unserm
Eintreten öffnet er Fenster und Laden. Das weissgetünchte Gemach hat in seiner
Einfachheit etwas Rührendes.
    Am Fenstertische nehm' ich Platz und schau' in die blauende Weite. Auf einer
der Pappeln, die in der Nähe ragen, hat der Starenschwarm Platz genommen und
jauchzt nun ins goldige Lodern des Altweibersommers.
    Jung Uli öffnet einen Schrank und legt ein großes Schreibebuch vor mich hin.
Wie ich's betrachte, kommt mir die Erinnerung, dass es von Hainlin, als er
Abschied nahm, dem Schnützelputzhäusel gestiftet wurde. Ich schlage auf - da
sind Hainlins harmonisch runde Schriftzüge.
    Klein-Uli meint, ungestört könne ich mich ins Buch vertiefen, er wolle
derweilen draußen nach den letzten Birnen schauen.
    Während ich lese, schwillt der Luftzug ums Häusel an - ein sanftes Heulen
geht durch Türspalt und offenes Fenster. Und nun tönt die Windharfe.
    Wie eigen! In den Pappeln drüben ist dieser Hauch bloß ein Geräusch, in der
Windharfe wird er zu holder Harmonie. So findet der ewige Lebensgeist, alle
Weiten durchflutend, verschiedene Resonanz, je nachdem er durch dieses oder
jenes Gemüt weht - und je nach Stunde und Stimmung.
    Als ich das Gedicht zu Ende gelesen habe und aufschaue, bin ich überwältigt
von einer süßen Wehmut: Da hat mich nun das Schicksal an eine Station meiner
Lebensreise geführt, die ich bereits vor einem Menschenalter berührt habe. Der
Knabe von damals steht jetzt an der Schwelle zum Greisenalter. Abschied nimmt er
von dem, was hinten liegt und unter ihm.
    Die Schlucht, an der wir vorbeigekommen sind, bedeutet meines Lebens dumpfe
Tiefe. Nun ich oben angelangt bin, im Sonnig-Freien, vergönnt mir der kühl-klare
Herbst, zu durchschauen, wie alles Leben, mein und meiner Gefährten Schicksal,
