! arg wühscht sieht's da
aus. Nesseln tun brenne, Dorne steche. Wo Baumwurzle aus der Erd krieche, hat's
Löcher - Kröten ond Ratten - sogar e Kreuzotterle hat mr da erlegt.«
    »Hu, wie graulich!«
    Raunend fuhr der Knabe fort: »Wissen Sie, Herr Doktor - wie mr's Bild von
Odysseus betrachtet hänt, han i mir denkt: So ähnlich wie die Wolfsschlucht mag
dr Eingang zur Unterwelt sein, draus die Toten kommen sind ... Aber freile, eine
Unterwelt gibt's überhaupt net! Hölle scho gar net! Dees ischt Aberglaube,
Mythologie - gelt?«
    Des Kindes Geplauder lenkte mich auf eine Idee, die ich zunächst im stillen
verfolgte - weshalb meine Antwort einsilbig ausfiel.
    Was mir durch den Sinn ging, war die Myte von Hermes: Er ist der Luft- und
Geistgott, Herr über den Odem, über Leben und Tod - ist daher der Psychopompos
oder Seelenführer. Die Seelen der Toten bringt er zur Unterwelt. Seine weitere
Aufgabe ist jedoch, aufwärts zu führen, zur himmlischen Höhe. Ein Christus der
Griechen ist Hermes, niedergefahren zur Hölle, auferstanden von den Toten,
Erlöser der Unterwelt ... ...
    Nun aber meint der Knabe: Eine Unterwelt gibt es gar nicht! Im
buchstäblichen Sinne gibt es natürlich keine. Aber diese Völkeridee ist kein
bloßer Aberglaube.
    Die Unterwelt bedeutet ja nicht allein den Ort, wo die Schatten weilen,
sondern philosophisch bedeutet sie das Reich formlosen Stoffes. Aus
Formlosigkeit haben sich die Geschöpfe gestaltet, zu ihr kehren sie verwesend
zurück.
    Wozu aber dies Aufwärts und Wiederabwärts? Ist es Wellenschlag am
Meeresstrand? Ist es die Bemühung jenes Unterweltbewohners Sisyphus, der seinen
Felsblock auf den Hügel wälzen soll, jedesmal aber, wenn das Ziel beinahe
erreicht ist, aus den Händen rollen lässt?
    Oder gibt es ein Auf und Ab, in dem sich eine Leistung vollzieht? Des
Uhrpendels Hin und Her leistet etwas: das Uhrwerk geht, der Zeiger rückt. So ist
vielleicht auch Werden und Vergehen der Geschöpfe mehr als sinnloses Spiel.
Irdisch Leben bedeutet: Gelegenheit haben zum Aufstieg ins Ewige. Oft wird die
Gelegenheit verpasst. Doch dieser Verlust kann wieder gutgemacht werden; der
große Wellenschlag bietet immer neue Gelegenheit. Vielleicht hat darum die Natur
Zeit ohne Ende - niemals aufhören soll die Möglichkeit, zum Bessern zu gelangen.
    Dass ein Schüler mich begleitet, bringt mich auf folgenden Einfall: »Hör',
Uli! Du bist jetzt in der sechsten Klasse, und ich war auch einmal darin. Das
Pensum, das ihr zu bewältigen habt, ist wohl dasselbe wie zu meiner Zeit! In den
viereinhalb Jahrzehnten, die seitdem verflossen sind,
