 Glaubensgericht
veranstalten, das die Böcke von den Schafen absondert, so wird's damit nicht
schlimm gemeint sein. Es wird mir schon gelingen, durch ein Gnadenpförtlein ins
Himmelreich einzuschlüpfen - und schließlich dürfen Böcke wie Schafe auf der Aue
bei den Sternblumen herumspringen. Ich stellte mir dies Gefilde als eine Art
Glastelfingen vor. Allerdings schwärmte ich nicht bloß engelhaft, sondern oft
recht bengelhaft. Zu Widerspenstigkeit reizte der Religionsunterricht. Für
manches Lehrerwort hatte der Pennäler ein überhebendes Lächeln. Bisweilen
stupfte einer verstohlen dem Nachbar in die Seite: »Glaubst du das?« Einmal, wie
von der Hölle die Rede war, grunzte ich halblaut: »Bangemachen gilt nicht!« Die
Beweggründe zu solchem Verhalten lagen mehr im Gemüt als im Verstande. Ich war
kein Vernünftler. Die biblischen Wunder verwarf ich nicht. Befriedigten sie eine
Sehnsucht in mir, so glaubte ich daran, wie an die Glasbergprinzessin und ihren
Erlöser. Sonst schüttelte ich den Kopf.
    Zum Beispiel die Verfluchung des Feigenbaums wollte mir durchaus nicht
einleuchten. Den Feigenbaum soll Christus verflucht haben? Dies schöne, dies
unschuldige Gewächs? Und weshalb? Weil keine Feigen an ihm waren zu einer Zeit,
wo überhaupt keine Feigen gewachsen sein konnten! Für ein ganz ordentliches
Verhalten wird also der arme Baum abgestraft, so schrecklich, dass er verdorren,
ja ewig keine Frucht tragen soll. Das passt nicht für einen Heiland! Wär ich
Christus, die Feigen, auf die ich Appetit hätte, würde ich rasch an den Baum
zaubern - würde dann sprechen: Sei gesegnet, lieber Baum! Nun sollst du immer
schon im Frühling Feigen tragen! Ja, ich würde die ganze Gegend in einen Garten
Eden verwandeln. Dann könnten sich die Leute fein gütlich tun. Solche Wunder
würde ich tun, und so was traue ich auch dem Heiland zu. Wenn er das Töchterlein
von der Totenbahre auferweckt - das ist ein gutes Wunder, daran glaube ich!
    Statt der biblischen Geschichte, die meinem Herzen willkommene Anregung gab,
machte sich in Nasos Religionsunterricht der Katechismus breit. Der kam mir vor
wie ein verdorrter Feigenbaum. Luthers Werk bleibt mir groß und schön. Aber in
der vorliegenden Form ist sein Katechismus für Kinder kaum geeignet. Manche Idee
veraltet; und zuweilen befremdet die altertümliche Ausdrucksweise. Durch den
Katechismus- fühlten wir Schüler uns zur Gedankenlosigkeit angehalten, und das
verdross uns. Wenn die Klasse den Katechismus im Chorus plärrte - was Naso liebte
- und die bei Luther übliche Formel kam: »Das ist gewisslich wahr,« sagten
etliche Schlingel: »Das ist gewiss net wahr!« Schelmerei gab es auch beim Pauken
der Kirchenlieder, deren wir die schwere Menge »auswendig« zu lernen hatten,
während die Inwendigkeit zu wünschen übrig ließ.
