 Kopf. Im Saal drinnen spielten die
Streichinstrumente eine einschmeichelnde Melodie von Puccini.
    »Wollen Sie nicht wenigstens Ihren Mantel trocknen?« fragte Christian
wieder. Die einschmeichelnde Musik, der von ihm gewusste Prunk im Saale, die
Heiterkeit, das Lachen, die Fülle der Schönheit und des Glückes, alles das
bildete einen so schneidenden Gegensatz zur Erscheinung des Menschen im nassen
Mantel, mit dem totenbleichen Gesicht und den krankhaft flammenden Augen, dass er
den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, dazwischen zu stehen, fühllos und die
vollkommene, fürchterliche Fremdheit beider Welten kennend.
    »Sie haben viel für meinen Mantel übrig,« entgegnete Iwan Michailowitsch
lächelnd; »was nützt es ihm? Er wird ja doch wieder nass.«
    »Ich hätte Lust, mit Ihnen, so wie Sie hier sind, in den Saal zu gehen,«
sagte Christian und lächelte ebenfalls.
    Iwan Michailowitsch zuckte die Achseln, und seine Miene verfinsterte sich.
    »Ich weiß nicht, warum mich die Lust ankommt,« murmelte Christian, »ich weiß
nicht, was mich daran reizt. Ich stehe da vor Ihnen und habe unrecht. Wenn ich
schweige, wenn ich rede, mit meinem bloßen Atem schon habe ich unrecht. Wir
sollten nicht hinter der Wand und im Domestikenwinkel miteinander sprechen. Sie
fordern etwas von mir, Iwan Michailowitsch, ist es nicht so? Sie fordern etwas;
nennen Sie Ihre Forderung.«
    Diese Worte verrieten eine bis in den Grund gehende Verwirrung des Gefühls.
Sie bebten vor Sehnsucht nach einem Anderssein und Anderswerden. Iwan Becker
begriff es inspirativ. Wenn er anfangs geargwöhnt hatte, dass eine Herrenlaune
oder, im besseren Fall, der törichte und gedankenlose Trotz eines flüchtig
erglühten Proselyten den schönen, reichen, stolzen Menschen zu solcher Äußerung
getrieben, so erkannte er jetzt seinen Irrtum. Er begriff vor allem, dass er um
Hilfe gerufen wurde, und zwar in einem der entscheidenden Augenblicke, deren es
in jedem Leben nur wenige gibt.
    »Was sollte ich denn von Ihnen fordern, Christian Wahnschaffe?« fragte er
ernst, »doch nicht, dass Sie mich zu den Ihren schleppen, und dass ich das als
eine Tat von Ihnen zu betrachten hätte, als eine Überwindung?«
    »Nicht als eine Tat, sondern ganz einfach, dass ich mich zu Ihnen bekenne,«
erwiderte Christian mit gesenkten Augen.
    »Überlegen Sie doch, welche Figur ich dabei abgeben würde, ich mit meinem
Kittel, widerwillig und demonstrativ im Reich der Sphären, wie wir uns in
Russland ausdrücken. Ihnen würde man verzeihen; man würde Sie der Extravaganz
beschuldigen, man würde Sie auslachen, und man würde darüber hinwegsehen. Aber
was geschähe mir? Wenn Sie mich auch vor Beleidigungen schützen könnten, das
