 Ich war in einer Schlinge. Alle lebten in Freuden, und alle
lebten in Schuld. Aber trotzdem Schuld da war, war niemand schuldig. Folglich
steckte irgendein Fundamentalfehler in der ganzen Lebenskonstruktion. Ich sagte
mir: die Schuld, die aus dem erwächst, was die Menschen tun, ist gering und
berechenbar gegen die, die aus ihrem Nichttun stammt. Denn was sind es
schließlich für Menschen, die durch ihr Tun schuldig werden? Arme, armselige,
verhetzte, verzweifelte, halbwahnsinnige Leute; sie bäumen sich auf und beißen
in den Fuß, der sie tritt. Sie werden verantwortlich gemacht, sie werden
gezüchtigt und bestraft; Quälerei und kein Ende. Aber die nicht tun, die werden
verschont, die sind immer in Sicherheit, die haben ihre triftigen Ausreden und
Entschuldigungen. Und sie sind nach meiner Meinung die wahren Verbrecher. Von
ihnen kommt das Übel. Ich musste aus dieser Schlinge heraus.«
    Der Geheimrat rang nach einem Ausdruck seiner verworrenen und schmerzlichen
Gefühle. Es war alles anders, als er es erwartet hatte. Da sprach ein Mensch,
ein Mann. Da trafen ihn Worte, mit denen man sich abfinden musste. Sie enthielten
Erinnerung an jüngst geschlagene Wunden, die noch nicht geheilt waren. Argumente
verweigerten sich. Es war falsch, es war wahr: je nachdem; je nachdem man sich
dazu stellte; je nach dem Maß von Willigkeit und Phantasie; je nach Einsicht und
Furcht; je nach Verstockteit oder dem Mut zur Rechenschaftsleistung. Das
Terrain, das schon lange geschwankt hatte, zerriss in gähnende Klüfte. Der Trotz
der Kaste warf in der Eile noch Schanzen auf und suchte nach Abwehrwaffen. Sie
hatten keine Schlagkraft.
    Ohne Hoffnung auf ein Ja fragte er: »Blutsbande existieren also nicht mehr
für dich?«
    »Wenn du vor mir stehst und ich dich sehe, fühle ich, dass sie existieren,«
war die Antwort, »wenn du handelst und sprichst, spür ich sie nicht.«
    »Gibt es eine Abrechnung zwischen Vater und Sohn?«
    »Warum nicht? Wenn Aufrichtigkeit und Wahrheit entstehen soll, warum nicht?
Vater und Sohn müssen neu beginnen können, scheint mir, einer dem andern
gleichgestellt. Sie dürfen sich nicht auf das Gewesene verlassen, auf das, was
verbucht ist, was die Gewohnheit vorschreibt. Ist Bewusstsein da, so muss es
Achtung wecken. Es sollte ein zarteres Verhältnis sein als irgendeines; es ist
ja auch verletzlicher als irgendeines. Aber weil es von der Natur geschaffen
ist, glaubt man, es kann grenzenlos belastet werden. Mir kam es darauf an, für
Entlastung zu sorgen, und du sahst eine Sünde darin. Es sind nur die Begriffe
der Welt, die dich gegen mich erkältet und
